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Theorie

Was ist queer? Was ist Japan?

Beide Fragen bedürfen sicherlich noch einiger Überlegung und ich werde sicherlich nicht versprechen, dass es hierauf definitive Antworten geben wird. Wir können aber versuchen, uns an die Konzepte Sexualität, Japan, Queer und ihre Verbindungen anznähern.

Wie hat mein Doktorvater einmal so passend gesagt: (man denke sich bitte auch einen erhobenen Finger dazu) „Auf einfache Fragen gibt es niemals einfache Antworten. Vor allem nicht für uns Historiker!“. Danke. Ein wirklich beruhigender Gedanke, der uns darin bestätigt, dass nicht alles, was wir machen, komplett umsonst ist!

Zu queer gibt es sicherlich Unmengen von Definitionen. Die letzte, und für mich wahrscheinlich auch produktivste, habe ich in einem Artikel von Jasbir K. Puar gelesen, in dem sie islamistische Selbstmordattentäter_innen als immanent queer bezeichnet. Dort heißt es wortwörtlich:

These nonexceptional, terrorist bodies are nonheteronormative, if we consider nation and citizenship to be implicit in the privilege of heteronormativity, as we should.

Ich denke mit dem Wort “nonexceptional” kann man ein bestimmtes Charisma verbinden, das den Trägern eine überlegene, menschliche Qualität verpassen soll. Jedenfalls können wir mit dem Begriff queer eine allgemeine Devianz feststellen, die, im Falle der Selbstmordattentäter, die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen lassen (Was ist der Zustand eines Attentäters im Moment, wo er/sie die Bombe umgeschnallt hat?).

Wir sehen in diesem Fall, oder auch anderen, wie den brennenden Nonnen und Mönchen in Tibet, ein Moment, das uns in den Grundfesten erschüttert und die Zweiteilung in Leben und Tod uneindeutig erscheinen lässt. Es sind daher wohl die festen Binaritäten, die das Wort „queer“ in Frage stellen möchte.

Selbstverständlich kann das Wort „queer“ selbst nicht ohne binäre Erkenntnismöglichkeiten des Menschen überleben, denn wenn etwas „queer“ ist, impliziert das bereits, dass es etwas „Un-Queeres“, etwas „Nicht-Queeres“ gibt. Damit ist „queer“ eine ständige Distanzierung von dem Nicht-Queeren und damit ständig veränderbar.

Das bringt uns aber auch in bestimmte Schwierigkeiten. Ich war vor etwas mehr als einem halben Jahr auf einer japanologischen Konferenz in Düsseldorf und habe dort einen Vortrag zum Thema „Hybridität“ gehalten. Dort kam es plötzlich zu einem Einwurf, der besagte, dass wir nicht wirklich über so etwas wie „Japan“ reden könnten, denn so etwas wie „Japan“ gäbe es nämlich nicht.

Stimmt. Japan ist genauso eine Konstruktion wie alles andere. Aber geht es denn wirklich um das, was da wirklich da ist, oder eher um das, was wir aus dem machen, was wir sehen. Mit anderen Worten: vielleicht gibt es ja gar kein Japan, aber trotzdem können wir eins erkennen. Wenn das nicht so wäre, könnten wir einpacken und nach Hause gehen, denn dann gäbe es gar keine Japanologie. Dann müssten wir was anderes machen. Kunst studieren. Problem wäre nur, dass wir irgendwann zum selben Problem kämen.

P.S. Das Design des Blogs wird nochmal überarbeitet…

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 2 years ago

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