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Geschichte, Kultur

Geisha oder Hure?

Es ist jetzt mittlerweile 2 Jahre her, da gab es auf dem Listserver H-Japan (sehr empfehlenswert, übrigens) eine Diskussion über die Rolle der Geisha in der Moderne (Ende 19. Jh. – Anfang 20. Jh.)

Angestoßen wurde die Diskussion von einem Mädel, die an Ihrer Disse schreibt und sich westliche Primärquellen aus Ende des 19. Jahrhunderts angesehen hat und verwirrt war, dass scheinbar Begriff wie Geisha, Prostituierte, Teehausmädchen etc. durcheinander geworfen wurden. Jetzt wollte sie wissen, ob das alles das ein und dasselbe sei.

Antworten auf diese Frage waren zum Teil recht differenziert und andere wiederum nicht (Es kamen so etwa 10-15 Antworten, was schon eine Menge ist). Die einen meinten „ja, sie waren Prostituierte“, andere sagten „nein, sie waren eher Künstlerinnen“. Und genau darin liegt das Problem: in der Ausdifferenzierung in entweder „Künstlerin“ oder „Hure“ und der Annahme, dass es sich hierbei um zwei gegenseitig ausschließende Kategorien handelt.

Trotzdem muss man vorher nochmal sagen, dass die Dinge, die die Ausländer im Japan der Moderne (eine Zeit, in der Japan eine rasante Entwicklung in Richtung einer Industrienation und internationaler Militärmacht machte) gesehen haben, nicht unbedingt für bare Münze genommen werden dürfen. Viel von dem, was in Japan gesehen und erlebt wurde, konnte nur in die bereits bekannten Schemata, die die eigene Sprache und Kultur bereitstellte, übersetzt werden. Je nach Situation und Präferenz konnte somit eine Geisha auch schnell zu einer Hure werden.

Aber es gibt immer wieder ähnliche Tendenzen Geisha entweder als das eine oder das andere darzustellen. Das hat meist politische Gründe.

Diejenigen, die Geisha als Huren (oder der weniger schlimme Begriff „Prostituierte“) darstellen wollen, haben meist die Absicht sie als das zu bezeichnen, was ich gerne eine „marginalisierte, soziosexuelle Identität“ bezeichne. Zumeist soll gezeigt werden, dass sie zum Objekt männlicher Begierde gemacht wurden, ausgebeutet wurden und gleichzeitig gesellschaftlichem Außenseitertum ausgesetzt waren. Wahrscheinlich stimmt vieles davon auch.

Diejenigen, die Geisha als Künstlerinnen darstellen wollen, haben meist die Absicht Geisha aus einer gefühlten Schmuddelecke zu befreien und zu etablieren. Das geht nicht wenn an ihnen der Schmutz der Sexarbeit haftet. Aus diesem Grund muss die Geisha als (meist) tragische Künstlerin stilisiert werden, die keinen Gefallen an Sex, sondern nur an ihrer Kunst findet. Aber wahrscheinlich stimmt das auch.

Die Geisha als Hure ist ein Beweis für ein niederträchtiges Patriarchat, das die Rolle der Frau auf ein männliches Lustempfinden reduziert und sie als gesellschaftlich Ausgestoßene ansieht. Die Geisha als Künstlerin ist ein Beweis für den kulturellen Reichtum Japan, zu dem auch Frauen maßgeblich beigetragen haben.

Die Japanologen oder Studenten der Japanologie, die sich mit Geisha befassen, sollten sich überlegen, welche Geisha sie sich ansehen. Der Begriff Geisha ist wohl eher eine große Bandbreite, in der die verschiedensten Frauen verortet werden können. Das, was sie aber zusammenhält, dürfte der Begriff der „Unterhaltung“ sein. Was auch immer das für die unterhaltende Person bedeuten mag.

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

2 Gedanken zu “Geisha oder Hure?

  1. Dabei war Geisha ja anfangs in der Edo-Zeit nicht einmal ein Begriff, der nur Frau meinte. Auch eine hochrangige Kurtisane „tayu“ musste nicht einmal zwangsläufig eine biologische Frau sein. Und zuerst arbeiteten die KünsterInnen meist auch nur in den Teehäusern – ohne dazugehörige sexuelle Handlungen.
    Das vermischte sich erst, als Geishas auch Kurtisanen wurden und ihre Kunst breiter fassen (mussten). Wie du ja sagst: Unser Konzept „einer“ Geisha ist von den westlichen Kontakten geprägt.
    Ich lese mich gerade durch die nanshoku bzw. shudô-Literatur der Edo-Zeit, „die Liebe für den Jüngling“, und da wird der Blick auf diese gesamte „Unterhaltungsbranche“ noch einmal anders geschärft.
    Das Traurige ist nur, dass es wenige Aufzeichnungen von den Personen selbst gibt, so dass wir nicht sagen können, „was dies für die unterhaltende Person bedeuten mag.“

    Verfasst von Sem | 19. Januar 2012, 00:16
    • Ach cool! Der 1. Kommentar!! Vielen Dank!!!

      Der Begriff der Frau ist tatsächlich innerhalb der japanologischen Historik etwas schwammig. Ich bin auch der Auffassung, dass das Konzept „Mann“ nicht unbedingt eine Gegenstück sein muss. Ich fände es besser „Frau“ als „weiblich“ zu denken und weniger in biologischen Termini, da man die Sexualität ebenfalls nicht nicht nach biologischem Geschlecht ausgerichtet gewesen sein muss. (hab ich mich jetzt selbst verheddert oder klang das halbwegs logisch?).

      Für Kritik bin ich selbstverständlich auch komplett offen! 😉

      Verfasst von Kenji | 19. Januar 2012, 19:44

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
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