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Heteronormativitätstheorie, Soziales, Theorie, Wissenschaft

Keine Japanese Gay Identity?

Heute geht es um einen Text aus dem Jahre 2000, den ich gern vorstellen möchte und der nach wie vor Einfluss auf das zeitgenössische Bild LGBTQ-Japaner hat (gibt es eigentlich mittlerweile auch das „A“ als Buchstaben für „asexual“?)

Der Autor heißt Mark McLelland und der Artikel, den er geschrieben hat, heißt „Is there a Japanese ‚gay identity‘?“.

Um zu veranschaulichen, worum es unter anderem in dem Artikel geht, solltet ihr euch erst einmal dieses Video ansehen:

Ist euch etwas aufgefallen? Er hat gesagt „Ich bin nicht schwul (gay), ich bin Japaner/japanisch“.

Es löst selbstverständlich ein gewisses Schmunzeln aus, wenn nicht ein lautes Gelächter, weil es sich so anhört, als würde die Tatsache japanisch zu sein, schwul sein ausschließen. „Ich kann gar nicht schwul sein, ich bin doch Japaner!“

Gibt es also keine schwulen Japaner? So fragt auch McLelland, ob es überhaupt eine Identität gibt, denn, dass japanische Männer auch mit anderen Männern (wahrscheinlich sogar japanischen Männern!) Sex haben, muss man nicht fragen (wir gehen einfach davon aus).

McLellands Artikel, auch wenn er bereits 12 Jahre alt ist, kann ein wenig helfen, diesen Sachverhalt näher zu kommen.

Homosexualität in Japans Medien

Das erste Oberkapitel heißt „Representing ‚homosexuality‘ in Japan“. Wie wird Homosexualität also in Japan dargestellt? Ich habe bereits ein paar Beispiele im Artikel „Japans Transen“ gebracht. Auch McLelland meint, dass gleichgeschlechtliche Anziehung häufig mit einer Inversion des sozialen Geschlechts einhergeht. Schwule sind weiblich; Lesben sind männlich. Damit einhergehend wird eine Übertretung geschlechtlicher und sexueller Normen beschrieben, was in übertriebenen, clownhaften Darstellungen mündet.

Aber ist das immer noch so? Nicht unbedingt. Ich würde zwar schon behaupten (auch im europäischen Kontext), dass ein „Bedürfnis“ besteht, homosexuelle Verbindungen in heteronormativen Kategorien darzustellen. Auf der anderen Seite jedoch wird diese Kategorisierung erschwert wenn man es mit tatsächlichen Menschen zu tun hat, die auch medial sichtbar(er) werden. So zum Beispiel der Jungpolitiker Taiga Ishikawa, der sich als offen geouteter Schwuler auch für Gleichberechtigung auf Ebene der sexuellen Identität einsetzt (mehr zu ihm in einem späteren Beitrag).

Was bringen Identitäten?

Im zweiten Teil, „Questioning the ‚identity‘ model“, wird auf die Problematiken eingegangen, die mit einer Gay-Identitiy einhergehen. Die Schaffung einer Identität ist im euro-amerikanischen Kontext von größter Bedeutung gewesen, um mitunter der Sexualisierung und Stigmatisierung einer Heteronormativität zu entkommen oder ihr zumindest etwas entgegenzusetzen. Einen Feind zu zerschlagen ist sehr viel einfacher, wenn er in sich uneins ist, als wenn er sich sammelt.

Doch ist dieser Kern, die Identität, einmal geschaffen, ist es auch wieder schwierig von ihr loszukommen oder sich von ihr zu emanzipieren. Mit der Annahme einer gewissen Identität wird auch eine Erwartungshaltung an das Individuum geschaffen, was von manchen als Einschränkung empfunden werden kann. Somit kann auch eine Gay-Identitiy befreiend, zugleich aber auch einschränkend wirken.

Der Grund also, eine spezifische Gay-Identity zu schaffen, muss in dem Bedürfnis der Individuen liegen, sich auszudrücken und gegen eine gefühlte Unterdrückung anzugehen. Nun liegt die Argumentation im Japanfall folgend: Eventuell wird kein sexuelles Stigma bei gleichgeschlechtlich sexuellen Handlungen gefühlt, wohl aber ein geschlechtliches Stigma in Bezug auf eine Gay-Identity.

Schwule heiraten Frauen?

Im nächsten Teil wird gefragt, ob sich Homosexualität und heterosexuelle Heirat in die Quere kommen könnten, doch scheinbar ist beides miteinander vereinbar. Es ist demnach für einen Mann möglich mit einer Frau eine Ehegemeinschaft einzugehen, und gleichzeitig seinem Verlangen nach Sex mit einem anderen Mann nachzugehen (die Frau weiß davon, aber ob sie auch Sex mit Frauen haben kann, wird nicht gefragt, da es nur um Männer und Homosexualität geht).

Erklärt wird diese Vereinbarkeit damit, dass die westliche Konzeption der Liebesheirat in Japan nicht so stark verwurzelt sei. Tendenziell wird die Heirat aus dem Pflichtbewusstsein, einen Haushalt zu gründen, begangen. Heirat hat also viel mit Zweckmäßigkeit zu tun, die eine gesellschaftliche und familiäre Stabilität mit sich bringt.

So scheint es, als wenn es keine Notwendigkeit für eine Gay-Identity geben würde, da homosexuelles Verlangen auch innerhalb heterosexueller Institutionen ausgelebt werden kann. Doch tatsächlich sehen sich viele Männer (und Frauen) unter Druck gesetzt, ihre Liebe zum gleichen Geschlecht nur im Privaten auszuleben. Die politische Identität muss eine heterosexuelle bleiben.

Global Queer?

McLelland argumentiert in seinem letzten Teil, dass das Konzept der politischen Gay-Identity unter anderem durch die Globalisierung und die immer enger vernetzten Informationskanäle langsam dazu führt, dass sich mehr Menschen in Japan eine eigenständige sexuelle Identität wünschen, die auch gesellschaftlich anerkannt wird.

Auf die Frage, „Gibt es eine japanische Gay-Identitiy?“, antwortet McLelland nicht mit „Ja“ oder „Nein“, sondern mit „Vielleicht“. Eine Gay-Identity ist im Wachstum, aber weder sei die japanische Gesellschaft bereit, sie schon zu akzeptieren, noch sei der Wille der Betroffenen da, sie offen einzufordern.

Es gibt einige Dinge, mit denen ich sicherlich nicht übereinstimme, aber die werde ich das nächste Mal näher beschreiben. 😉

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

4 Gedanken zu “Keine Japanese Gay Identity?

  1. Ich fand „Genders, Transgenders and Sexualities in Japan“ von McLelland & Romit Dasgupta von 2005 auch ganz aufschlussreich. Mir war gar nicht aufgefallen, dass McLelland homosexuelles Begehren mit Inversion in Verbindung bringt. Die Theorie gilt m.E. zu Recht als veraltet. Ich fände es eher erschreckend, im 21. Jahrhundert noch mit Krafft-Ebings Psychopathia Sexualis von 1897 zu kommen.

    Geschichtlich gesehen, konnte homosexuelles Begehren von Männern – Frauen werden als sexuelle Subjekte selten thematisiert oder sprechen für sich selbst – lange Zeit in der institutionalisierten Beziehung zu (Ehe-)Frauen ausgelebt werden. Dass das jetzt auch möglich ist, finde ich spannend. Nur ist die die Öffentlichkeit, die es in der Frühmoderne für sexuelle Beziehungen gab, heute so nicht möglich. Weswegen gerade Occur, der größte LGBT-Verband Japans, auch für Öffentlichkeit kämpft.

    Das Problem von nur einer gay identity war schon nach Stonewall in den USA und Westeuropa gewesen, dass sie schon immer konstruiert war. Das haben Identitäten generell an sich, aber das kann für einen politischen Kampf hilfreich sein. Doch schon Ende der 1970er erkannten US-amerikanische Lesben z.B., dass sie mit ihren heterosexuell lebenden Schwestern doch mehr gemeinsam hatten als mit den schwulen Brüdern. 4nd mit diesem Problem hat auch Occur zu kämpfen. Wie du sagst; der Verband greift auf Kämpfe aus den USA zurück und versucht, politische Subjekte zu konstruieren, die in Japan so nicht Fuß fassen. Da es keine institutionalisierte Homophobie gibt – im Gegensatz zur sehr realen strukturellen -, greifen viele Kampfbegriffe und Strategien nicht. Im Privaten ist fast alles erlaubt. Aber eben nicht in der Öffentlichkeit.

    Verfasst von Sem | 30. Januar 2012, 22:52
  2. Hi SEM! Vielen Dank für den Kommentar! Ich freue mich jedes Mal, von Dir lesen zu dürfen! 😉

    Stimme Dir voll und ganz zu! Nur ein Kommentar zur Lesbenbewegung in den USA. Tatsächlich haben sich viele lesbische Frauen an die Heterofrauenbewegung angeschlossen und auch aus dem Grund, den Du oben nennst. Aber gleichzeitig gab bei einigen den „Verdacht“, dass Schwule in Wirklichkeit das bestehende Patriarchat unterstützen, denn sie lieben schließlich die Unterdrücker.

    Ich denke nach wie vor, dass eine Methode der LGBTQ-Bewegung in Japan nicht nur eine größere Sichtbarkeit, sondern auch die Untersuchung von Heterosexualität zum Ziel haben sollte, um das dahinterstehende Konstrukt zu offenbaren.

    Verfasst von Kenji | 1. Februar 2012, 09:42
    • Das sehe ich auch so. Leider muss ich das.

      Ich sehe das Problem – und hier spricht meine politische persona -, dass Homosexualität nicht (mehr) die Kritik an Heteronormativität beinhaltet. Das ist leider hier nicht anders. Wenn ich mir die Diskussionen zur Änderung der Kuss-Szene am Denkmal der Verfolgung Homosexueller in Berlin durchlese, springt mir sehr schnell harter Sexismus und das Unverständnis sexueller Devianz entgegen.

      In Japan würde sich eine Infragestellung auch eine Kritik an der Konstruktion des Japanisch-Seins, also auch auch am Diskurs der Japanizität, dazugehören. Und das ist gerade in Krisenzeiten schon gewagt.

      Verfasst von Sem | 1. Februar 2012, 10:55
  3. Nette Ausfuehrungen! Ich werde mich damit mal genauer auseinander setzen! Warte auf die naechsten Posts!

    Verfasst von Arne | 13. Februar 2012, 02:26

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 3 years ago

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