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Heteronormativitätstheorie, Politik, Soziales, Theorie, Wissenschaft

Plädoyer für eine Japanese Gay Identity!

Im letzten Artikel habe ich den Artikel von Mark McLelland „Is there a Japanese Gay Identity?“ vorgestellt.

Der Artikel ist bereits 12 Jahre alt und ich frage mich, ob es nötig ist, einige Dinge zu hinterfragen, oder auch zu revidieren. Wie steht es um die Notwendigkeit in Japan von einer Gay-Identitiy zu sprechen, und wenn es sie nicht gibt, was gibt es denn dann für eine Identität?

Das ist tatsächlich ein Punkt, der mich von Anfang an gestört hat.

Japan schafft sich seine Queers selber

In McLellands Darstellung gibt es innerhalb der japanischen Gesellschaft ein normalisiertes Verhalten, das vom Individuum verlangt, sich der gesellschafts-stabilisierenden Institution der Heirat zu unterwerfen. Sexuelle Neigung spielt hierbei erst einmal keine Rolle, da auch in einer äußerlich heterosexuell erscheinenden Ehe, homosexuelles Verhalten geduldet wird, solange es im Privaten verfolgt wird. Dass die betreffenden Personen damit auch ihre Probleme haben können, leugnet McLelland nicht, sondern bekräftigt es auch durch seine eigenen Ergebnisse.

Das normalisierte Verhalten muss sich selbstverständlich nicht selbst als eine Identität bezeichnen, da es sich selbst als den „Normalfall“ oder die „natürliche Ordnung“ sieht. Doch das Problem dabei ist, dass es sich selbst als eine Identität zu erkennen gibt, sobald es andere Identitätskonzepte ausschließt und sich somit selbst über die eigenen Grenzen hinweg definiert. Die Heteronormativität schafft sich ihre Queerness von selbst, indem sie den Individuen Verhaltensregeln vorschreibt, die nicht von allen ohne weiteres befolgt werden können.

Auf der anderen Seite wirkt jedes Identitätskonzept auf die eine oder andere Weise einschränkend. Doch ich finde, dass es für einen Großteil der Menschen einfacher wäre, gäbe es mehr als nur ein Konzept, das man zur Auswahl hat oder wenn die Konzepte von vorn herein als flexibel erkannt werden.

Daher bin ich auch nicht McLellands Meinung, wenn er meint, dass die Gay-Identity ein euro-amerikanische Konzept sei, dass durch die zunehmende Globalisierung in Japan Einzug erhält.

Identitäten kommen nicht aus Amerika!

Das Konzept einer nicht-heteronormativen Identität ist sicherlich nicht aus Europa oder Amerika gekommen. Japan braucht keine gönnerhafte Aufklärung aus dem Abendland. Japan hat durch die Schaffung eines „Normalfalls“ bereits die Möglichkeit zur Übertretung geschaffen. Da braucht es kein Internet mit Webseiten aus den USA.

Etwas anderes mag aber die politisch-intellektuelle Komponente sein, die eine Gay-Identity in den USA und Europa mit sich brachte und einen politischen Aktionismus verursachte. Dies wurde und wird auch in Japan aufgegriffen und versucht für den eigenen Fall anzuwenden.

Ich bin beleidigt!

Die Frage, ob Männer, die lieber homosexuelle Beziehungen führen, sich mit einer Frau verheiraten sollten, oder nicht, ist für mich persönlich beleidigend. Ich sehe darin eine Verunglimpfung all dessen, wofür ich seit meiner Jugend gekämpft habe. Der Prozess der Identitätsarbeit ist für homosexuelle Menschen ungleich aufwändiger als bei heterosexuellen (obwohl die Diskussion um die „Schmerzensmänner“ eventuell einen Schritt in eine andere Richtung verweist).

Sollte geheiratet werden, um der Haushaltsbildung willen? Für einen euro-amerikanischen Blickwinkel scheint das völlig widersinnig zu sein. Für einen japanischen nicht. Aber trotzdem wird das Argument, dass sexuelle Attraktivität nicht unbedingt etwas mit einer Ehe zu tun hat, allein durch die Tatsache untergraben, dass Japan eines der Länder ist, das die niedrigste Geburtenrate der Welt hat. Hinzu kommt, dass die Anzahl der Single-Haushalte stetig steigt, und das liegt NICHT an zunehmendem homosexuellem Verhalten.

Für die Konservativen ist es vielleicht ein Widerspruch in sich, aber der Vorteil, den feste und eindeutige Identitätskonzepte mit sich bringen, ist in dem Moment ein Nachteil, in dem Menschen sich eingeengt fühlen. Ab diesem Zeitpunkt ist es notwendig neue Konzepte zu erstellen, zu leben und politisch zu vertreten. Nur so kann man Mechanismen erstellen, die gesellschaftlich stabilisierend wirken.

Japans Traditionalismus!?

Das Streben nach dem Bewahren von Traditionen in Japan wird immer als eine DER Eigenheiten des Landes verstanden, doch tatsächlich hat es weniger mit dem 1:1-Bewahren zu tun, sondern mit der stetigen Neuinterpretation und Angleichung an die moderne Welt. Die Schaffung von sexuellen Identitäten muss in Japan in diesem Sinne fortgesetzt werden.

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

2 Gedanken zu “Plädoyer für eine Japanese Gay Identity!

  1. Ich muss gestehen, dass ich etwas verwirrt bin. Denn ich kann nicht ganz sagen, was McLellands Argumente sind und was davon in Japan ‚real existiert‘. Deswegen muss ich doch einmal nachfragen: welcher Punkt stört dich genau? Die Schaffung des „Normalfalls“, der die heteronormative Ehe zwischen Männern und Frauen vorschreibt, aber auch homosexuelle Beziehungen im Privaten zulässt? Oder die Annahme (wessen?), dass Japan Identitätskonzepte aus den USA brauchen würde?

    Natürlich kommen Identitäten nicht aus Amerika. Da jedoch die Konstruktion der Homo- vs. Heterosexualität ein ursprünglich westliches ist, werden auch westliche Strategien zur Überwindung der strukturellen Homophobie angewandt. In Japan selbst. Das funktioniert eher selten, aber überhaupt ist die Idee von einem Individuum, das eine individuelle und feste Identität haben kann, ein ‚westliches‘, eingeführt auch in Japan durch die Idee des Nationalstaates im 19. Jh. Deswegen muss – und da stimme ich dir zu – Identitätspolitik scheitern, wenn sie nicht die eigenen Diskurse aufgreift. Das schreibt übrigens auch Wim Lunsing in „The politics of okama and onabe: uses and abuses of terminology regarding homosexuality and transgender“ (McLelland, Mark; Dasgupta, Romit (Eds.): Genders, Transgenders and Sexualities in Japan. London & New York: Routledge, 2005.)

    Wer stellt die Frage, ob homosexuelle Männer Frauen heiraten sollten? Aus der japanischen Geschichte betrachtet, hat es eine ‚institutionalisierte Bisexualität‘ bis in die Neuzeit gegeben, so lange, bis Zwangsheterosexualität auch für das moderne japanische Subjekt festgeschrieben wurde. Ich fand da „Cartographies of Desire: Male-Male Sexualities in Japanese Discourse, 1600-1950“ (1999) von Gregory Pflugfelder ganz aufschlussreich. Und ich kann mir vorstellen, dass das zur Identitätskonstruktion von japanischen Männern, die homosexuell begehren, auch dazu gehört. Wenn dem nicht so wäre und sie sich durch die Forderung nach einer Ehe mit einer Frau – von wem eigentlich? – eingeschränkt sähen, würden sie ähnlich der Forderungen ‚westlicher‘ gay movements argumentieren. Damit wäre das Argument, dass es eine eigene japanische gay identity gibt, hinfällig. Denn es gäbe dann ein sogenanntes ‚global gay‘. Denn alle hätten ähnliche Probleme, die ähnlich angepackt werden müssten. Und damit liefe dein Argument, dass Japan keine Hilfe aus dem Westen bräuchte, leider ins Leere, weil eben doch aus den Bewegungen in den USA und Europa etc. gelernt werden könnte. Es sei denn, wie gesagt, eine Ehe mit einer Frau gehört zur eigenen Identitätskonstruktion eines homosexuell begehrenden japanischen Mannes dazu, ohne nur eine Fassade zu sein. Das wäre in der Tat anders als im sogenannten Westen.

    Verfasst von Sem | 1. Februar 2012, 10:45
    • Danke für den Kommentar!

      Ich habe zwei Dinge an McLellands Artikel zu bemängeln:

      1.) McLelland sagt aus, dass durch die zunehmende Vernetzung in Japan eine Gay-Identity gefördert werde, was vor allem an ausländischen Websites läge.

      McLelland meint wahrscheinlich, dass durch eine größere Sichtbarkeit auch ein Verständnis für eine Gay-Identity gefördert wird. Sicherlich hat das Einfluss auf die Sichtbarkeit, aber wenn eine Gay-Identity nicht in Japan für Japaner geschaffen wird, hat das alles keinen Sinn. Genauso wie es auch Unterschiede im deutschen vom amerikanischen Fall gibt. Transnationale Impulse sind nicht dasselbe wie eine komplette Übernahme. Aber genau dieser Unterscheidung wird von ihm nicht vorgenommen.

      Im Umkehrschluss wird es auch notwendig werden, Japans Heteronormativität genauer auszumachen und zu untersuchen (Ein sicherlich spannendes Thema!)

      2.) McLelland hat herausgefunden, dass in einer scheinbar heterosexuellen Ehe, der Ehemann im Privaten Sex mit Männern haben kann. Er schließt daraus, dass in Japan Ehen eingegangen werden können, obwohl die Ehepartner kein sexuelles Interesse aneinander haben.

      Ich glaube, dass dieser Punkt langsam veraltet ist. Es gibt innerhalb der japanischen Gesellschaft, vor allem bei jüngeren Menschen, ein wachsendes Bedürfnis nach individueller Lebensgestaltung. Ein Indiz dafür sind die sinkenden Heirats- und Geburtenzahlen, sowie steigenden Scheidungsraten.

      Ich selbst finde, dass Themen zu Sexualität und Identität sehr politisch sind und hätte mir in dem Artikel von McLelland eine eindeutigere Positionierung von ihm gewünscht. Ohne diese bleibt ein impliziter euro-amerikanischer Blickwinkel bestehen. Ich fand, dass ich mich dazu positionieren sollte, um mir selbst klar zu werden, was ich eigentlich von einer japanischen Gay-Identity erwarte, zu der ich mich (als Hāfu) zu einem gewissen Maße selbst bekenne.

      Verfasst von Kenji | 1. Februar 2012, 12:36

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