//
du liest gerade...
Heteronormativitätstheorie, Soziales, Wissenschaft

Wie man durch einen Pickel seine Ehre verliert

Letztens habe ich hier in Japan einen jungen Mann kennengelernt (ich sage einfach mal, dass er jung ist. Ich nehme es einfach an; hab nicht nach seinem Alter gefragt). Während des Gesprächs (Und? Was machste so?) hat er mir erzählt, dass er zurzeit nach einer neuen Anstellung sucht  – ergo: er ist arbeitslos. Er wünscht sich schnell wieder eine neue Stellung und hofft, dass nun (es sind bereits 3 Monate vergangen) er wieder etwas finden möge.

Was sagen die Nachbarn?

Da Schlimmste dabei sei, so meinte er, dass die Nachbarn mitbekommen würden, dass er morgens gar nicht das Haus verlässt und dann irgendwann im Laufe des Tages herauskommt. Ob er sich nicht vielleicht angewöhnen sollte, morgens aus dem Haus zu gehen und dann später am Tag wiederzukommen.

Zur finanziellen Lage hat er nichts gesagt, doch als er anfing über die Nachbarn zu reden und was sie wohl von ihm denken würde, sind ihm tatsächlich die Tränen in die Augen geschossen und er muss sich erst einmal wieder sammeln.

Wir werden beobachtet

So trivial es sich vielleicht jetzt auch anhören mag, so gibt es doch etwas, dass man in unserem kulturellen Kreis vielleicht nicht so schnell wahrnimmt wie in Japan. Die einen mögen vielleicht von der „Gleichmachung des Individuums“ in Japan sprechen, die anderen vielleicht von sozialem Druck nicht aufzufallen, aber ich würde es gerne aus der Warte der Betroffenen versuchen zu formulieren: das Beobachtet-Werden.

In einem Moment, in welchem man sich beobachtet fühlt, erlebt man ein gesteigertes Selbstbewusstsein im negativen (manchmal auch positiven) Sinn. Scheinbar jede Bewegung, die man vollführt, versucht man zu analysieren. Gleichzeitig will man sich selbst von einer Außenperspektive wahrnehmen und einschätzen, meist, indem man versucht die Blicke und Bewegungen der Anderen zu interpretieren. Das gelingt jedoch meist nicht, und alles, was man in den Blicken der Anderen sieht, wird zwangsläufig auf sich selbst zurückgeworfen. Man ist in diesem Moment im wahrsten Sinne egozentriert.

Noch ein zwei weiteres Beispiel:

Im Film Kokuhaku (siehe vorletzter Beitrag), entscheidet sich ein Kind dazu, nicht mehr zur Schule zu gehen. Und nicht nur zur Schule; der Junge will nicht mehr aus dem Haus oder sogar seinem Zimmer gehen. Nur um die Notdurft zu verrichten, schleicht er sich ab und an ins Badezimmer. Die alleinerziehende Mutter ist verzweifelt und weiß sich nicht mehr zu helfen. Den Nachbarn und Freunden lügt sie etwas vor. Etwa so was wie „Er ist bei Verwandten“ oder „Er ist im Ausland“ (ich kann mich grad nicht mehr richtig erinnern)

Ehre und Ehrlosigkeit

Man kann es vielleicht am besten mit dem Begriff der „Ehre“ in Verbindung setzen (Siehe  Zunkel, Friedrich: Geschichtliche Grundbegriffe – Ehre, Reputation). Damit einhergehend natürlich auch der Begriff der „Ehrlosigkeit“.

Was aber ist, wenn es mir völlig egal ist, ob der Bekannte von mir zurzeit arbeitslos ist, oder wenn eine Mutter nicht zugeben will, dass ihr Sohn ein ernstzunehmendes Problem hat? Es ist völlig egal, ob ich diese Personen für unehrenhaft halte. Es kommt darauf an, was sie über sich selbst denken. In dem Moment, da sie sich selbst für unehrenhaft halten, schämen sie sich.

Wer genügt wem nicht mehr?

Der Glaube, nicht mehr den Ansprüchen der Gesellschaft zu genügen, sehe ich dabei als einen Vorwand an, denn in Wirklichkeit genügen sie sich selbst nicht mehr und das lässt bei ihnen selbst einen Eindruck des Makels erscheinen; gar nicht mal so sehr bei anderen. Den Makel an der eigenen Person, am eigenen Körper zu spüren, ohne, dass andere einen darauf hinweisen, ist doch die wahrhaftige (Achtung, Sarkasmus!) Meisterleistung des gesellschaftlichen Gleichschritts!

Woher kommt dieses Gefühl des Makels, der Unehrenhaftigkeit? Erziehung? Medien? Ödipus-Komplex?  Keine Ahnung. Das Gefühl der Unvollkommenheit, des Flecks auf der weißen Weste, oder des Pickels auf der Nase, lässt scheinbar nur zwei Alternativen offen. Man versucht den Pickel mit einem Abdeckstift zu kaschieren und zu verstecken, oder man malt ein Gesicht drauf und präsentiert seinen kleinen, siamesischen Zwilling! Ich glaube mittlerweile, dass die tendenzielle Präferenz zur einen oder zur anderen Lösung, je nach Kulturkreis unterschiedlich ausfällt.

Advertisements

Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

4 Gedanken zu “Wie man durch einen Pickel seine Ehre verliert

  1. Die pauschalste Antwort auf deine Frage wäre wohl: es ist das Gesellschaftssystem. Das würde im engeren Sinne auch Medien, die Abgrenzung von der Mutter und damit die Entdeckung der eigenen Gechlechtlichkeit (=Ödipus-Komplex) einschließen.

    „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefägnisses“ von Foucault versucht uns zu erzählen, wie Strafinstanzen in der europäischen Geschichte verinnerlicht wurden. Ich habe das Buch im Zusammenhang mit Heinz D. Kittsteiners „Die Entstehung des modernen Gewissens“ gelesen. Beides sehr spannend und eigentlich auch auf das moderne Japan übertragbar. Was in diesen Analysen jedoch fehlt, ist die Gesellschaftsanalyse. Raewyn Connell hat in ihren Studien zur hegemonialen Männlichkeit sehr anschaulich dargelegt, wie – im angloamerikanischen Bereich – Männlichkeiten als sozialen Praktiken das Patriarchat durch Unterdrückung und Assimilation von Männern und Frauen stabilisiert, sie aber gleichzeitig sich nach Normen richten. In Japan beschäftigte sich vor allem Ueno Chizuko mit Patriarchat und Kapitalismus.

    Nun könnten wir sagen, dass in Japan der Gegensatz von Innen (uchi) und Außen (soto) zum Tragen kommt, von tatemae (Maskerade) und honne (wahres Gefühl). Das würde aber bedeuten, dass japanische Menschen einer Philosophie der Doppelgesichtigkeit, der Falschheit folgen. Das ist doch immer der rassistische Vorwurf an den Japaner per se. Was hier eher zum Tragen kommt – m.E. – sind falschverstandene Traditionen – nach Hobsbawm „invented traditions“, dass es mal zu Urzeiten selbstaufopfernde Samurai gab, in einem modernen Kapitalismus, der Menschen nur als Ware Arbeitskraft begreifen kann. Das ist in Deutschland nicht anders, auch wenn nicht so stark wie in Japan formuliert. Wie hier in der Gesellschaft auf Menschen herabgesehen wird, die die sogenannten Transferleistungen bekommen, ist beschämend.

    Ich stimme dir zu, dass das Gefühl der Unzulänglichkeit von den Menschen selbst kommt. Doch sie haben es sich nicht selbst eingepflanzt. Sie werden von der sie umgebenden Gesellschaft zur sozialen Pariah erklärt.

    Verfasst von Sem | 26. April 2012, 11:03
    • Ich bin voll Deiner Meinung! Das Gefühl der Unzulänglichkeit kann man sich selbst nicht einpflanzen. Und da es sich um eine Bewertung der eigenen Person handelt, die überhaupt erst durch einen Vergleich mit anderen entsteht, muss es sich um ein gesellschaftliches Phänomen handeln. Da aber eine Person selbst immer ein Teil der Gesellschaft ist, kann sie sich den gesetzten Maßstäben meistens nicht entziehen und muss nach ihnen handeln.

      Das Subjekt hat für Foucault meist eine untergeordnete (wenn überhaupt irgendeine) Rolle, womit ich ihm nicht immer zustimme. Ich glaube, dass innerhalb des gesellschaftlichen Netzes auch eine eine gewisse Entscheidungsfreiheit stattfinden muss, da dieses Netz von den Menschen ansonsten nicht akzeptiert werden würde.

      Würde es nach Foucault gehen, wäre es vollkommen egal, ob man nun IN oder OUT ist, denn beides wäre nur dazu da, ein und denselben Diskurs zu unterstützen, ganz einfach indem man ihn als das, was er ist, akzeptiert und danach handelt.

      Zu den Uchi-Soto-Relationen kann ich sagen, dass ich diese nie so ganz verstanden habe. Es kam mir immer so vor, als sei die uchi-soto-Theorie (ich kenne sie aus einem Artikel von Ishida Takeshi) dazu da, sich gegenüber anderen zu profilieren, sich abzugrenzen und andere auszuschließen, oder dieses Gefühl zu verstärken. Als Historiker, der sich genau mit diesem Thema beschäftigt, finde ich, dass es eine einfache Antwort auf eine zu komplexe Frage ist, was nicht sein kann.

      Aber es geht mir eigentlich gar nicht so sehr darum, woher das Gefühl unzulänglich zu sein kommt, als eher der Umgang damit. Wie kann sich verhalten, wenn man unter dem Druck steht, sich gesellschaftlich konform (was man auch immer darunter verstehen mag) zu verhalten. Klar, darauf gibt so viele Antworten, wie es Menschen gibt. Aber ich stell die Frage einfach und erwarte keine pauschale Antwort.

      Verfasst von Kenji | 27. April 2012, 03:28
  2. Tja, es gibt Länder da tratscht das Umfeld überall rum man sei schwanger, weil man mit dem Rauchen aufhört, oder man würde seinen Freund betrügen, während der auf Dienstreise ist, weil man ne Seidenbluse zur Arbeit trägt… (na die hat doch noch n heißes Date nach Feierabend…!)
    Auch wenn wir nach Außen hin ja so wahnsinnig liberal und unvoreingenommen Individualität schätzen und zu unseren kulturellen Erungenschaften zählen – zumindest in den letzten paar Jahrzehnten – so ist doch sehr kurz unter der Oberfläche genau das zu finden, was in anderen Kulturen als selbstverständlich offen gelebt wird: gesellschaftliche Kontrolle und Wertung… Ich weiß nicht, was mir weniger gefällt… Die Unehrlichkeit (ha, da ist das Wort Ehre drin!) der „Hinter vorgehaltener Hand“-Politik, oder das erdrückende, allgegenwärtige Diktat… Mmmh….

    Verfasst von bernadette | 26. April 2012, 14:03
    • Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es sich um ein Phänomen verschiedener Länder und Kulturen handelt, als eher ein grundlegendes, menschliches Verhalten.

      Ein blödes Beispiel, aber was solls: Egal welche Top Model-Sendung in egal welchem Land: immer bilden sich unterschiedliche Grüppchen, die über andere herziehen. Immer gibt es ein oder zwei Außenseiterinnen und immer wird es Zickereien geben. Aber trotz der Streitereien bleiben alle in der Sendung. Es passiert nur ganz selten, dass es eine Aussteigerin gibt.

      Warum? Weil alle von Anfang bis Ende das Sendungsformat und die Aufgaben, die man ihnen innerhalb der Sendung stellt, grundlegend in ihrer Daseinsberechtigung akzeptieren. Und nicht nur das: die Kandidatinnen brauchen die Zickereien. Sei müssen sich gegenseitig fertigmachen und bekämpfen, da es für sie ein Mittel ist, sich selbst und ihre Fähigkeiten besser einzuschätzen. Es kann nicht sein, dass man sich keine Meinung über die anderen bildet und vorschnelle Schlüsse zieht, da man sonst nicht wüsste, wer man selbst ist. Sie bezweifeln die anderen, sie denken, dass die andere nicht gut genug ist, oder auch dass man selbst nicht gut genug ist. Aber sie bezweifeln niemals die Sendung. Würden sie das tun, gäbe es die Sendung auch nicht. Und ich glaube, dass Gesellschaft in ähnlicher Weise funktioniert.

      Verfasst von Kenji | 27. April 2012, 03:47

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Tweets

  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 2 years ago

Blog Stats

  • 13,872 hits
%d Bloggern gefällt das: