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Geschlechtertheorie, Kultur, Theorie, Wissenschaft

Der Ajase-Komplex

Hallo zusammen!

Ich weiß, dass ich diesen Blog schon länger habe etwas schleifen lassen, aber ich werde versuchen es wieder gut zu machen.

Heute geht es mir um japanische Psychoanalyse. Wir kennen alle den Ödipus-Komplex, oder? Freuds Interpretation des griechischen Königs, der seinen Vater tötete und mit seiner Mutter ein Verhältnis begann. Die Geschichte wurde von Freud benutzt, um die kindliche sexuelle Entwicklung zu illustrieren. Das war im Jahr 1897.

Seit der Entstehung der Theorie rund um den Ödipus-Komplex gab es Kritik, Zustimmung, Verbesserungen und Umänderungen. Ich denke, eine der wichtigsten Kritiker, aber gleichzeitig auch Entwickler der Theorie des Ödipus-Komplexes zeitlich entfernt von Freud, war der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981).

Doch einer der sehr frühen Kritiker von Freuds Theorie war der japanische Psychoanalytiker Heisaku Kosawa. Er studierte Psychonalyse in Wien am Psychoanalytischen Institut Wien von 1932-33. In dieser Zeit entwickelte er einen Gegentheorie zum Ödipus-Komplex, scheinbar aus einem Unbehagen heraus, diesen, mit seinem eurozentrischen Charakter, auf Japan anzuwenden. Also nahm er einen andere Geschichte, nämlich aus einem buddhistischen Kontext, um die Seelenwelt der Japaner zu zeigen.

Insgesamt geht es darum zu veranschaulichen, dass die Beziehung des Kindes vor allem auf die Mutter fixiert und von einem Wechselspiel aus Hass, Aggressivität und, als Folge davon, Scham sowie Schuld gekennzeichnet ist.

Die Theorie wurde auch verwendet, um innerhalb des Nihonjinron (Diskurs über das Wesen der Japaner) zu zeigen, wie einzigartig und besonders die Japaner sind. Ob Kosawa die Theorie tatsächlich aus einem Anflug von Nationalstolz entwickelt hat, wage ich zu bezweifeln, doch einer seiner eifrigsten Schüler, Keigo Okonogi, hat mich mit seinen Ausführungen zum Ajase-Komplex in dem Buch „Die kühle Seele“ laut zum Lachen gebracht. Weniger bescheuert ist sein Artikel im Buch „Asian Culture and Psychotherpy“ und daraus werd ich mal die Zusammenfassung zur Ajase-Geschichte vortragen (es gibt nämlich auch noch andere Versionen, aber wir wollen mal nicht so sein):

Die Geschichte des Prinzen Ajase (Ajatasatru)

Ajase war ein Prinz aus einem indischen Königshaus und ein Zeitgenosse des historischen Buddha Shakyamuni.

Seine Mutter, Idaike, wurde mit ihm schwanger, weil sie fürchtete, dass ihr Mann, Ajases Vater, sie mit zunehmendem Alter nicht mehr attraktiv finden würde. Sie wollte einen Sohn und ging zu einem Wahrsager. Der prophezeite ihr, dass irgendein armer Einsiedler in 3 Jahren sterben werde und dann als ihr Sohn wiedergeboren werden würde. So lange wollte die gute Dame aber nicht warten. Also ging sie zu diesem Einsiedler und tötete ihn.

Idaike fürchtete aber nun den Groll ihres Sohns gegen sie, da sie ja sein vormaliges Selbst umgebracht hatte und aus lauter Angst, versuchte sie ihren Sohn bei der Geburt zu töten. Klappte aber nicht, denn er überlebte den Sturz von einem hohen Turm mit nicht mehr als einem gebrochenen Finger.

Ajase wuchs, trotz all des vorherigen Dramas, in einem liebevollen Elternhaus aus. Dann aber erfuhr er durch einen Widersacher Buddhas alles über die Umstände seiner Geburt, was ihn sauer machte. Also versuchte er seine Mutter zu töten, konnte es aber nicht, weil ihm plötzlich bewusst wurde, was er da tat. Da überkamen ihn große Schuldgefühle und er erkrankte schwer (eitrige Pusteln und so…). Keiner wollte (konnte) ihn pflegen, weil er so entsetzlich stank, außer der Mutter.

Die Mutter hatte Ajase die Tatsache, dass er sie umbringen wollte, verziehen und auch er verzieh ihr. Sie erneuerten ihre gegenseitige Zuneigung und das ist er nun: der Prototyp der Mutter-Kind-Erfahrung eines jeden Japaners.

Hier ein kurzes Interview zum Ajase-Komplex: http://www.dctp.tv/filme/der-ajase-komplex/embed/

Nebenbei gesagt.

Okonogi ist ein äußerst gerissenes Schlitzohr. Er lässt einige Dinge ungesagt. Zum Beispiel die Tatsache, dass Ajase auch seinen Vater umbrachte. Nachdem er nämlich über die Umstände seiner Geburt erfuhr, warf er seinen Vater in den Kerker und nahm seinen Platz ein.

Ajase wollte, dass sein Vater den Hungertod erleidet, aber die Mutter schmierte sich von oben bis unten mit Lebensmitteln ein, schlich in das Verließ und ließ den Vater ihren ganzen Körper abschlecken, wodurch sie ihm das Leben rettete. Ajase erfuhr natürlich davon und ließ den Vater dann auf grausame Art und Weise hinrichten.

Auch lässt Okonogi außen vor, dass es auch andere Versionen zur Geburtsgeschichte gibt. In einer Ausgabe des „The Sutra of Contemplation on the Buddha of Immeasurable Life“ wird die Geschichte ein wenig anders beschrieben. Dort heißt es, dass der VATER es war, der zu einem Wahrsager ging, da er sich unbedingt einen Erben wünschte. Der Wahrsager sagte daraufhin, dass es dieser Einsiedler (ein Heiliger) sei und dass das Kind die Eltern eines Tages hassen würde (S.119).

Aber jetzt mal ehrlich: Was sagt ihr zu dieser Theorie? Man muss nicht Japaner sein, um diese Theorie zu kritisieren. Ehrlich gesagt würde ich es als kulturellen Relativismus verstehen, zu sagen „das sind halt die Japaner“. Meine Meinung: die Theorie war für die Zeit, in der sie entstand eine gute Alternative. Aber sie auch heute so stehen zu lassen geht sicherlich nicht. Viel eher zeigt sie mir die die vielen Unzulänglichkeiten von Freuds Ödipus-Komplex, ein Ersatz ist sie aber sicherlich nicht!

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Okonogi Keigo: Der Ajase-Komplex des Japaners. (S.30-79) In: Heise, Jens (Hg) (1990): Die kühle Seele – Selbstinterpretationen der japanischen Kultur. Frankfurt a.M.: Fischer

Okonogi Keigo: The Ajase Complex and Its Implications. (S. 57-75). In: Tseng, Wen-Shing et al. (Hg) (2005): Asian Culture and Psychotherpy – Implication for East and West. Honolulu: University of Hawai’i Press.

Ryukoku University Translation Center (1984): The Sutra of Contemplation on the Buddha of Immeasurable Life as Expounded by Sakyamuni Buddha. Kyoto: Ryukoku University

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

2 Gedanken zu “Der Ajase-Komplex

  1. interessante Geschichte, spannendes Blog.
    viele Grüße
    Kadda

    Verfasst von kaddinsky | 31. August 2012, 08:46

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
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