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Geschichte, Kultur, Kunst

Unerwiderte Liebe im Russisch-Japanischen Krieg

Was sehen wir hier?

Zunächst erst einmal zwei Soldaten, die ficken. Meine kunstgeschichtliche Ausbildung lenkt mein Auge zunächst auf den Farbkontrast, der unterschiedlichen Uniformen, durch den die beiden Figuren eindeutig voneinander abzugrenzen sind. Egal wie eng umschlungen sie auch sein mögen, man kann sie immer noch als zwei Individuen ausmachen.

Der Ficker (in diesem Zusammenhang ist die Wortwahl durchaus angemessen, wie ich finde) hat ein asiatisches Gesicht, was man vor allem an den Augen erkennen kann, denn der Rest ist vom Rücken des Gefickten verdeckt. Er ist nicht nur aufgrund der Soldatenuniform als männlich zu erkennen, sondern auch weil man einen Teil des enormen Schwanzes sieht, den er im Arsch des Gefickten versenkt. Das Gesicht des Gefickten ist überaus gut zu erkennen. Er hat helle Haare und einen Schnurrbart.

Auflösung:

Es handelt sich um einen japanischen Holzschnitt aus der Zeit des Russisch-Japanischen Krieges von 1904-1905. Japan hat gewonnen und in diesem Krieg der Welt zum ersten Mal gezeigt, dass sie mehr sein können als fächerschwingende, kimonotragende Schöngeister.

Zurück zum Holzschnitt

Mal sehen, was da so steht: Oben rechts:

ロスケ               ワタ

タクシモヲ

シニソヲ

デス

Heute würde man es wahrscheinlich so schreiben:

ロシヤ人(じん)          私(わたし)もう死(し)にそうです。Übersetzt: Russe: Ich bin kurz davor zu sterben.

Mitte des Bildes :

Das Japanische wird an dieser Stelle von oben nach unten und von rechts nach links geschrieben, aber ich machs mal von links nach rechts und in der Waagerechten:

日兵

スグ トヾメヲ サシテ ヤロウ

Moderne Schreibweise:

日兵

すぐ止めを刺してやろう。 Übersetzt: Japanischer Soldat: Ich werd dir gleich den Gnadenstoß versetzen!

Letztes Stück

Die letzten paar Zeilen am linken Bildrand sind aus dem Kontext heraus den kleinen Figuren im Hintergrund zuzuschreiben. Wir lesen hier (auch wieder von oben nach unten und rechts nach links):

ロスケ

ハヤクニゲロ

Modern: ロシヤ人   早く逃げろう。  Übersetzt: Russen: Lass uns schnell fliehen!

Absonderlicher Humor

Was an diesem Bild aus unserer Sicht vor allem stört ist die grausame Mischung aus einer humoristischen Darstellung und einer Vergewaltigung. Die Figur des Russen beklagt sich darüber vergewaltigt zu werden und als Antwort des Japaners kommt ein triumphierendes „Dich fick ich schon noch tot!“. Um die peniserfüllte Macht des Japaners noch einmal zu unterstreichen, werden fliehende Russen gezeigt, die einem Vergewaltigungsschicksal entgehen wollen.

Was fällt mir noch auf? Die beginnenden japanischen Allmachtsphantasien der Zeit werden hier auf passendste Weise dargestellt. Der Sieg über Russland hat dem Land einen Selbstbewusstseinsboost gegeben, da sie nun den Beweis hatten, dass sie es auch mit westlichen Großmächten aufnehmen konnten, denen sie bis dato kulturell und industriell nachgehechelt hatten.

Schlechter Witz

Der Druck selbst ist grob und zeigt wenig Können. Was wir hier haben, ist sicherlich kein Kunstwerk. Es sieht aus wie eine recht schnelle Arbeit. Die comichaften Dialoge wurden ohne Sinn für Komposition einfach in freie Flächen reingequetscht. Selbst ohne den Dialog zu lesen, wird schnell klar, dass es sich nicht um ein sinnliches Bild handelt, sondern nur um Ficken und Macht. Daher kann das Bild, das zwar unter „Shunga“  春画 gezählt wird (erotische Drucke), nicht als sexuell-erotisch gewertet werden. Wenn ein erregender Faktor mitspielt, dann ist es der der Macht.

Man sollte auch nicht vorschnell dieses Bild heranziehen, um zu beweisen, dass Homosexualität noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine in Japan weit verbreitete Praxis war, denn darum geht es in diesem Bild meiner Meinung nicht. Und wieder: Es geht nicht um Lust, es geht nicht darum Sex mit einem anderen Mann haben zu dürfen/können, sondern nur um Sieger, die die Besiegten in den Arsch ficken und sich dabei einen ablachen.

Später mehr zum Gesamtkontext.

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 3 years ago

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