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Geschichte, Kultur

Oben und unten – Hierarchie beim Sex unter Männern

Im letzten Beitrag gings um den japanischen Soldaten, der dem Russen in Sachen Ficken eine Lektion erteilt hat. Der Holzschnitt aus der Zeit des Russisch-Japanischen Kriegs (1904-05) ist ein Propaganda-Werk, das die eigene Übermacht gegen den Feind symbolisieren und ihn degradieren soll.

Doch woher dieser Wille zur Degradierung?

Im letzten Beitrag habe ich auch geschrieben, dass es sich in dem Bild nicht in erster Linie um die Darstellung von Homosexualität handelt, sondern um Macht und Gewalt.

Dennoch ist die japanische Geschichte zu Sex unter Partnern des gleichen biologischen Geschlechts eine, die durchzogen ist von dem Gedanken, dass es innerhalb von (sexuellen) Beziehungen notgedrungen eine Hierarchie gibt. Der stärkere, ältere, benevolente Part ist der aktive Penetrator. Der jüngere, devote und schutzbedürftige Part der Penetrierte.

Back to the Mittelalter

Dieses Phänomen findet sich bereits innerhalb mittelalterlicher Aufzeichnungen. In aristokratischen Kreisen des frühen Mittelalters war es nicht unüblich sexuelle Beziehungen zu Männern zu unterhalten, solange es einen Status-/Altersunterschied gab (Es gibt da einen Artikel von Jack Stoneman namens „Between Monks“). Scheinbar waren sexuelle Beziehungen, bei denen Männer gleiche oder ähnliche soziale Positionen hatten, eine schwierigere Sache, bei der man diskret vorgehen musste (auch Stoneman).

In buddhistischen Klöstern war es eine ähnliche Sache. Die klösterlichen Ministranten (Chigo 稚児), Jungen im Teenageralter, wurden von Mönchen in das buddhistische Leben eingeführt und dafür führen die Mönche ihren Penis in den Chigo ein. Es handelt sich hier nicht um ein pädophiles Vergehen (aus unserer modernen Sicht natürlich schon!), sondern um eine Konstruktion einer buddhistischen Sexualität, die nötig war, um einen Weg zu finden, Sexualität in einer Art auszuleben, die nicht gegen das buddhistische Sexualitätsverbot verstieß.

Die Jungs wurden hübsch gemacht, verehrt und das Genre der Chigo Monogatari aus der Muromachi-Zeit (1336-1573) zeigt einen Chigo-Hype, dem sich wohl nur wenige entziehen konnten. Als eines der Hauptaugenmerke in diesen Liebesgeschichten zwischen Mönchen und ihren Chigo wird immer wieder die Opferung des Chigo benannt, was dem Mönch die Einsicht verschafft, dass alles in der Welt vergänglich ist. Der Chigo wird meist zu einem Objekt gemacht, das dem Mönch einen Schritt auf eine höhere Bewusstseinsstufe verschafft.

Es gibt meines Wissens keine eindeutigen Belege für sexuelle Beziehung zwischen Mönchen mit dem gleichen Status/Alter.

Richtung Frühneuzeit

In der Edo-Zeit (1603-1868) finden finden wir vor allem die Jungs, die in Teehäusern anschafften und (männliche) Kunden bedienten. Wie auch die Chigo des Mittelalters waren sie hübsch gekleidet, trugen Make-up und schöne Frisuren.

In dem Holzschnitt von Suzuki Harunobu schickt dieser eine Art „Däumling“, hier Maneemon, auf die Reise, um die sexuellen Geschmäcker seiner Mitmenschen auszuspähen. Hier ist er nun bei einem männlichen Paar angekommen, die es so heiß miteinander treiben, dass sich Maneemon zufächern muss!

Tatsächlich ist der Penetrierte nur als männlich zu erkennen, da man seinen Penis sieht.

Haben wir hier also eine Entsprechung von Penetriertem mit Weiblichkeit? Ich würde sagen Ja und Nein. Es hängt von dem jeweiligen Standpunkt ab. Je älter ein Junge wurde, desto wahrscheinlicher wurde es, dass er einen „Stellungswechsel“ vornehmen konnte. Nehmen wir beispielsweise das Mittelalter: Die Mönche, die eine Beziehung zu einem Chigo einnahmen mussten früher selbst einmal Chigo gewesen sein. Doch nun sind sie selbst in der aktiven Rolle und führen somit die Tradition fort.

Kommen wir wieder in die Moderne.

Mit diesem (jahrhundertlangem) kulturellen Hintergrund könnte man den Holzschnitt aus dem Russisch-Japanischen Krieg ein wenig weiter interpretieren.

Der aktive Japaner lässt durch die Pentrierter-Pentetrant-Figuration den Russen in einer eindeutig untergeordneten Rolle erscheinen. Er wird nicht einfach nur verweiblicht, das würde in dem kulturell-historischen Kontext nicht weit genug führen. Er wird in eine sozial untergeordnete Rolle gedrängt und gönnerhaft behandelt.

Beide Männer könnten ungefähr das gleiche Alter haben, aber dadurch, dass es eine klare Hierarchie zwischen ihnen gibt, ist es wiederum eine akzeptable Beziehung. Wer penetriert wird, gilt als schwach, unmündig und manchmal auch bemitleidenswert. Darunter zählen Frauen, Kinder und, wie hier zu sehen, Verlierer eines Krieges.

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

2 Gedanken zu “Oben und unten – Hierarchie beim Sex unter Männern

  1. Hallo, lange nicht gelesen und lange nicht kommentiert. ^^

    Spannend. Ich stoplerte über diese Karte im Zuge meines Kurses zu Nanshoku, männlich-männlichem Begehren in der frühen Neuzeit. Auch wenn nun 1904/05 nicht mehr in jene Periode gehört. In der Analyse der Karte würde ich dir zustimmen, dass hier sehr deutlich die Vorstellung von Homosexualität und von homosexuellen Akten als herabwürdigend vor allem für den Penetrierten zum Tragen kommt. Immerhin haben sich die medizinischen Diskurse zu dem Zeitpunkt auch in Japan bezüglich gleichgeschlechtlichem Begehren als etwas der Norm Abweichendes durchgesetzt.

    Bei Nanshoku – also dem Begehren eines jüngeren Partners durch einen älteren – wäre ich vorsichtiger. Die Hierarchie aufgrund des Alters und damit der Rolle in der Penetration ist klar gegeben, aber das hat nichts mit der Vorstellung von Weiblichkeit zu tun. Die Frauendarsteller – onnagata bzw. kagema als Prostitutierte – wurden nicht als Frauen gesehen; sie waren Männer, die Frauen darstellten oder vielleicht noch etwas ganz anderes außerhalb der Dichotomie von Männlichkeit und Weiblichkeit. Und bei den Samurai war der jüngere Partner als Schüler zu behandeln, das machte ihn aber nicht weniger stark oder wehrhaft. Eher im Gegenteil.

    Mein Punkt ist: Weiblichkeit oder eine irgendwie weiblich gedachte Rolle hat nichts mit Nanshoku zu tun. Wie du sagst, konnte der Penetrierte in anderen Konstellationen – gegenüber Frauen z.B. – die Rolle des Penetrierenden übernehmen. Seine Männlichkeit war dabei in keiner Situation in Frage gestellt. Die Vorstellung, dass Penetration Verweiblichung/Verweibischung des Penetrierten bedeutet – unsere Vorstellung von top/bottom, aktiv/passiv – ist modernen Ursprungs und ist heteronormativ und letztendlich auch homophob.

    Ich bin gespannt wie es weitergeht.

    LG.
    sem

    Verfasst von Sem | 25. Juli 2012, 10:00
    • Alles klar, ich versteh das Problem.

      Es gab eine ganz klare Dichotomie (seit dem Mittelalter und davor) zwischen Aktiv und Passiv, wobei „Aktivität“ sehr häufig mit Männlichkeit und einem gewissen sozialen Stand/Status in Verbindung stand. Passivität hingegen mit Weiblichkeit und/oder einem untergeordneten sozialen Stand/Status.

      Wenn ich sage, dass die Chigo „verweiblicht“ wurden, bedeutet das nicht, dass sie zu Frauen gemacht wurden. Es bedeutet 1., dass sie eine passive Rolle einnahmen und 2., dass sie schön gemacht wurden, da Schönheit zumeist in „weiblichen“ Termini ausgedrückt wurde. Sie behielten selbst verständlich ihre Männlichkeit.

      Männer konnten eindeutig „schön“/“hübsch“ sein, aber die Termini, um dies auszudrücken lassen den Leser eher auf Frauen schließen. Bestes Beispiel: うつくし (mod. 美しい). Dieses Wort wird nur für Frauen und (deutlich weniger) für schöne, junge Männer/Jungen benutzt.

      Es wäre homophob, wenn ich sagen würde, dass Chigo Ersatz für Frauen für Mönche gewesen wären, wie es Gary Leupp macht. Aber es ist sicherlich auch nicht so gewesen, dass innerhalb von Nanshoku zwei gleichberechtigte Partner eine Beziehung auf Augenhöhe eingegangen wären. Das wäre der größere Anachronismus.

      P.S. Ich hab auch länger nicht mehr geschrieben. 😉

      Verfasst von Kenji | 26. Juli 2012, 04:41

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