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Politik, Soziales

Micro-Rassismus in Japan

Heute geht es um etwas anderes als queere Politik und die Anwendung auf die Japanologie oder Japan im Allgemeinen. Heute geht es um Rassismus. Und zwar genauer gesagt den Rassismus, der mich und meine (ausländischen) Kollegen jeden Tag aufs Neue umgibt, umlagert und häufig unerkannt und unverurteilt bleibt.

Der Artikel von Debito Arudou, der auf der Seite der Japan Times veröffentlicht wurde ( http://www.japantimes.co.jp/text/fl20120501ad.html ) dreht sich um das Thema „Micro-Rassismus“. Hier handelt es sich um eine Art des Rassismus, die nicht offen und feindselig ist, sondern subtil, leise und effektiv. Es beginnt mit Fragen wie „Sprechen Sie unsere Sprache?“ (das Diskriminierende ist hierbei, dass dabei ausgegangen wird, dass aufgrund eines bestimmten Phänotyps notwendige Kommunikationsfähigkeiten nicht vorhanden sind) und endet mit zuvorkommender Hilfsbereitschaft bei der Menüauswahl im Restaurant (auch diskriminierend, da aufgrund des Aussehens wieder davon ausgegangen wird, dass man entweder nicht japanisch lesen kann, oder nicht weiß, was die japanische Küche für den ausländischen Magen bereithält)

Die Strategie des Micro-Rassismus ist einfach: Er dient als eine ständige Erinnerung daran, dass man nicht Teil des großen Ganzen ist, dass man von Außen kommt, dass man ein Gast ist und (in meinem Fall) dass man nicht japanisch ist und es auch niemals sein kann (, was in meinem Fall wiederum eine gewisse Ironie bereithält, da ich einen japanischen Namen trage und auch das Recht auf die japanische Staatsbürgerschaft habe).

In dem Artikel wird bemängelt, dass in der japanischen Gesellschaft ein allgegenwärtiger Rassismus herrscht, der stark zwischen „die anderen“ von dem „wir“ unterscheidet und das auf eine Art und Weise, die nicht offen aggressiv vorgeht, sondern immer wieder auf subtile Weise vermittelt, dass „Du“ anders bist. Diese Art der Ausgrenzung ist effektiver, da die Akzeptanz bei den Opfern des Rassismus größer ist. Würde es öffentliche Anfeindungen gegen Ausländer geben, gäbe es auch einen offensichtlicheren Grund sich zur Wehr zu setzen. Doch auf die Art des Micro-Rassismus kann man sich nicht offen wehren, da die Sprecher sich schnell selbst als Opfer von Anfeindungen sehen, obwohl sie doch „nur freundlich und zuvorkommend“ sein wollten.

Nun gibt es aber auch Gegenstimmen, wie die von Faustusnotes http://faustusnotes.wordpress.com/2012/07/10/microaggression-racism-and-migration-in-japan/ . Er bemängelt das bleichgesichtige Rumgeheule von Debito. Kein Weißer, der ins Ausland geht, sieht sich selbst wirklich als eine diskriminierte und unterworfene Minderheit. Weiße, die ins Ausland gehen, sehen sich selbst viel eher als eine Bereicherung für das Land, was noch von der Ignoranz der Kolonialisten herrührt.

Viel eher solle man auf die Situation von Koreanern und Chinesen aufmerksam machen, die nämlich offene Anfeindungen über sich ergehen lassen müssen, sei es bei der Wohnungssuche, bei der Arbeitssuche oder auch nur beim Aufbau eines Freundeskreises. Die Weißen sind innerhalb der Gruppe der Ausländer in Japan an der Spitze der Nahrungskette. Impliziert wird damit natürlich, dass die Beschwerden von Debito egozentrisch sind und die wahren Belange ausgegrenzter Gruppen überschattet.

(Das alles ist natürlich jetzt nur sehr verkürzt dargestellt, um all denen zuvorzukommen, die meinen, dass das alles nur verkürzt dargestellt sei.)

Was ist meine Meinung dazu? (Zum eigentlichen Thema, nicht zur verkürzten Darstellung) Nun, als schwuler Typ mit Migrationshintergrund, egal ob ich in Japan oder Deutschland bin, kann ich natürlich nicht sagen, dass mich das persönlich nix angeht. Ich fürchte aber, dass ich als Halb-Weißer/Halb-Asiate automatisch innerhalb der Minderheiten, die mit Rassismus zu tun haben, wohl in Deutschland wie auch in Japan den Joker gezogen habe.

Ausländer ist nicht Ausländer. Weder hier in Japan noch in Deutschland. Jeder, der meint, es gäbe keinen Unterschied in der (deutschen) Wahrnehmung bestimmter Ausländergruppen, macht sich etwas vor.

Bis auf die ärmlichen, nasalen „Hayaaaaaa!“ mit den dazu passenden, ungelenken Kung-Fu-Imitationen und dem „Sching-Schang-Schong-Chinese-im-Karton“ aus der Grundschulzeit, ist mir nur sehr wenig Rassismus in Deutschland entgegengekommen. Während der Schulzeit und auch später im Studium hatte ich immer das Gefühl, dass man von mir erwartet, gute Leistungen zu bringen und mich vorbildhaft zu benehmen. Ob ich dem auch entsprochen bin, steht auf einem anderen Blatt. Aber was ich damit sagen will, ist, dass ich nicht sicher bin, ob es nicht davon herrührt, dass ich eben einen asiatischen Migrationshintergrund habe und keinen anderen nicht-weißen. „Positiver“ Rassismus sozusagen. Aber ich habe so gut wie nie das Gefühl gehabt, dass ich nicht dazugehöre und ich glaube auch nicht, dass man mir das jemals versucht hat, subtil zu vermitteln.

Anders in Japan. Hier werde ich von der netten Dame bei MacDonald’s nett angeguckt und sobald ich den Mund aufmache, merkt sie, dass ich kein Muttersprachler bin und drückt mir, ohne ein weiteres Wort, ein englisches Menü in die Hand. Ich bin dazu übergegangen, ihr dann zu sagen, dass ich Japanisch spreche und das japanische Menü bevorzuge.

Andere Situation: Ich erzähle japanischen Person in Japan, dass ich halb-japanisch bin und sie fragen dann „Und woher kommt die andere Hälfte?“ Ich antworte: „Deutschland“. Darauf: „Ooohh! Deutschland! Ich heiße übrigens so-und-so.“, „Hallo! Freut mich, dich kennenzulernen. Ich heiße Kenji Nishino.“.  „Kenji…Kenj….ken… Aber das ist doch ein JAPANISCHER Name!“.

Was soll man dazu sagen? Anders: Was WÜRDE ich gern sagen?

  1. Denk doch mal ein wenig über das nach, was ich vorhin erzählt habe. Dann kommst Du schon noch drauf.
  2. Bist Du immer so ignorant?
  3. Ja. Alle Deutschen haben japanische Namen! Wusstest Du das nicht?

Nr. 1. würde schon als unhöflich gelten. Aber sag es mit einem leichten Lachen und dein Gegenüber wird sich mit ein wenig Glück dafür schämen, einen solchen Schwachsinn vom Stapel gelassen zu haben.

Aber zurück zur eigentlichen Diskussion:

Ja, Weißbrote haben es leichter in Japan als Chinesen. Aber das bedeutet nicht, dass sie nicht auch von Rassismus betroffen sind. Das Problem bei dieser Herangehensweise ist, dass schnell sowas wie eine Außenseiterolympiade gestartet wird. Das ist nicht förderlich. Wer ist hier die Person/Gruppe, die am meisten ausgegrenzt wird?

Das ist nicht konstruktiv und lenkt von einer Sache ab: In Japan gibt es eine nicht ausreichende öffentliche Diskussion über Rassismus in der Gesellschaft. Es stimmt, es gibt hier nicht die Probleme wie in den USA. Japan hatte auch kein Rostock-Lichtenhagen. Es gibt aber eine allgemeine Weigerung, Ausländer als Teil der eigenen Gesellschaft zu sehen, die dadurch, davon bin ich überzeugt, das Potential erhalten könnte, zu wachsen.

Viel eher wird der Fokus weiterhin darauf gelenkt zu erklären, was die Japaner von anderen unterscheidet. Fragen zur den Besonderheiten der japanischen Kultur, Gesellschaft und Politik haben dazu beigetragen die Grenzen zu Einwanderern scharf zu zeichnen.

Aber ich will nicht Fehler begehen, wie in der Deutschen Diskussion, einen „Schuldigen“ zu finden. Es gibt in Japan viele Ausländer, die das Erlernen der japanischen Sprache als zu schwierig erachten und es nicht wirklich lernen. Durch diese Kommunikationsbarriere werden gegenseitige Vorurteile immer weiter verstärkt. Beide Seiten flüchten sich in solchen Fällen schnell in  Stereotypen der jeweiligen Länder und das, was ausgetauscht wird, ist tatsächlich eine Bestätigung bereits vorhandenen Wissens über den anderen.

„Deutschland? Oh, dann muss du ja Bier mögen!“  – „Ja, ich mag Bier!“  – „Echt!? Wusste ich es doch!“

Das waren die Gespräche, die ich vor 6 Jahren in  Japan gehalten habe. Mittlerweile ist mein Japanische besser geworden und ich kann mich mehr oder minder normal mit Menschen unterhalten. Und siehe: die Japaner kommen mir plötzlich sehr viel menschlicher vor und wir können gegenseitig unterschiedliche Standpunkte besser zum Ausdruck bringen und ausdiskutieren!

Mein Fazit:

  1. Ausländer in Japan müssen die Sprache erlernen. Nicht nur aus Respekt gegenüber den Menschen und der Kultur, sondern auch, um die Fähigkeit zu erhalten, sich selbst in gebührender Weise als Individuum zu präsentieren und nicht als generische deutsche/französische/nigerianische/marrokanische/koreanische/chinesische/philipinische amerikanische etc. Person. Du bist kein Land. Du bist Du!
  2. Es ist wichtig, dass der Rassismus hier angesprochen und darüber diskutiert wird. Es geht nicht, dass es einfach nur akzeptiert und als japanische „Eigenart“ anerkannt wird. Es verletzt die Würde von uns und es wird der japanischen Gesellschaft letztendlich selbst schaden. Japan ist klar, dass es seine Migrationspolitik verändern muss, um in der Zukunft weiter wettbewerbsfähig zu werden. Einige Schritte, wie die Abschaffung der Alien Registration Card, wurden bereits unternommen. Was aber noch fehlt, ist eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über Rassismus im Land und der politische Wille Rassismus entgegenzuwirken.
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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

2 Gedanken zu “Micro-Rassismus in Japan

  1. Bin Selbst Afro-Europäer und hatte anfangs echt Angst, das man mich aufgund meiner Hautfarbe ( Nase Lippen, Ohren etc. habe ich glücklicherweise von meiner Mutter geerbt, was dazu führt, das lediglich meine Hautfarbe und meine Haare von meinen Genen zeugen), in Kyoto hatte ich das erste Jahr echt probleme mit der Zeit wurde es immer besser meine Kollegen habn mich auch immer besser behandelt und schließlich habe ich micht mit einigen gut Verstanden, so ha mich mein Chef auch zu Hochzeit seiner Tochter eingeladen, naja einladungen macht ein Chef nicht, er hätte es vermutlich als Unstittlich gehalten, wenn ich nicht gekommen wäre. 3 Jahre nachdem ich von München nach Kyoto gezogen bin, hat man mich nach Tokyo versetzt, der Anschluss hier war leicht zu finden, hier scheien Menschen wie ich alltäglicher zu sein. Vielleicht lag es aber nur daran, das ich fließend Japanisch spreche. Jedenfalls kam rassismus nur hin nd wieder und teilweise unbeabsichtigt vor. A und O ist jedoch die Spreche, wie du schon gut beschrieben hast und Integration sonts wird man ausgeschlossen. Chinesen werden nämlich wirklich furchtbar behandelt, nicht von allen aber es gab z.B mal eine Situation als wir eine neue Kollegin erhielten und fast niemand hat sie begrüßt oder auch nur wahrgenommen, das ihr japanisch zum teil sehr gebrochen war und sie nunja siw war eine Chinesin… das sagt oftmals schon alles.

    Verfasst von Niji | 31. Oktober 2014, 12:58
    • Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ich weiß diese persönliche Schilderung Deinerseits sehr zu schätzen! Danke daher! Ich muss zugeben, dass ich mich mit der Arbeitskultur in Japan nicht besonders auskenne, da ich bislang vor allem zu Forschungszwecken dort gewesen bin. Daher finde ich Deine Beobachtungen und Einschätzungen besonder wertvoll!

      Verfasst von Kenji | 1. November 2014, 12:25

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 2 years ago

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