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Geschlechtertheorie, Heteronormativitätstheorie, Kultur, Medien, Theorie

Toph Bei Fong – Hybrides Geschlecht in Avatar – The last Airbender

Ich hatte im Zuge eines Calls-for-Paper einen längeren Betrag zum Thema „Geschlechterhybridität“ in der Zeichentrickserie „Avatar – The last Airbender“ (zu Deutsch: Avatar – Die Legende von Aang“) geschrieben, aber er wurde leider nicht angenommen. Seitdem liegt er in einem meiner Ordner und wird älter. Also habe ich mich dazu entschiedenen zumindest einen Teil davon zu einem Beitrag hier auf QJ zu machen.

Worum geht es überhaupt in der Serie?

Für die, die sie nicht kennen, werde ich jetzt eine kurze Zusammenfassung geben:

Die Geschichte handelt in einer Fantasiewelt, die aber auf unserer eigenen basiert; ähnlich wie Mittelerde. Diese Welt ist in 4 unterschiedliche Reiche oder Nationen eingeteilt, die den 4 Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft entsprechen. Bestimmte Bewohnter der Reiche haben die Fähigkeit die jeweiligen Elemente zu kontrollieren. Die Kontrolle erlangen sie über bestimmte, zumeist ostasiatische, Kampftechniken.

Die Welt selbst ist nach einem vorindustriellen Ostasien nachempfunden. Schrift, Design und Architektur sind stark nach Ostasiatischen Vorbildern gezeichnet worden.

Jetzt wird’s tricky: Die Feuernation sind die Nazis der Serie. Sie haben die anderen Länder überfallen und an dem Volk der Air-Nomads (Luftnomaden, oder so?) Genozid verübt. Einziger Überlebender ist ein Junge, der die besondere Fähigkeit besitzt alle 4 Elemente zu beherrschen.

Ich mag die Serie nicht nur wegen des offensichtlichen Bezugs zu China, Japan, Korea und Konsorten, sondern auch weil die Serie eine besonders flexible Geschlechterindentifizierung zulässt. Ausnahmslos alle Charaktere der Serie sind sich über festgelegte Geschlechterrollen bewusst, überschreiten sie aber immer wieder und aus unterschiedlichen Motiven. Es kann sein, dass Rollenbilder hinter sich gelassen werden, da aus daraus ein Stärkung des Charakters entspringt, eine bestimmte Lehre gezogen wird, oder einfach nur aus der Lust Regeln zu brechen.

Hybrides Geschlecht?

Warum rede ich hier von hybridem Geschlecht? Manche mögen einen solchen Gedankengang kritisieren, da es dazu beitragen könnte bestehende Geschlechtersterotypen aufrechtzuerhalten oder zu verstärken. Denn wenn es etwas Hybrides gibt, muss es auch etwas Nicht-Hybrides geben. Ich mache es dennoch, denn ich beziehe mich mit der Hybriditätstheorie auf potentielle Strategien zur Unterwanderungen eben jener Stereotype. Darüber hinaus ist es an dieser Stelle sinnvoll, da die Serie die gängigen Stereotype selbst produziert, um sie im Folgeschritt zu unterwandern.

Bei dem ganzen Hybriditätsklamauk beziehe ich mich natürlich auf den Theoretiker Homi Bhabha (von einem Professor von mir auch als Homi Blabla bezeichnet). Der hat eine Theorie kultureller Hybridität entwickelt. Diese Hybridität wird als Strategie zur temporären Anpassung, Angleichung und Annäherung verschiedener kultureller Entitäten verwendet, um einen Raum neuer Möglichkeiten und kommunikativer Strategien zu entwickeln, den „Third Space“. Auf Geschlechterebenen hat er dieses Hybriditätsdings nicht angewendet, aber dafür bin ich ja da.

Meine Hypothese: Durch die geschlechtliche Hybridität wird den Charakteren in Avatar: TLA ermöglicht, neue Fähigkeiten zu erlangen sowie Stärke, Durchsetzungsvermögen oder auch Empathie und Mitgefühl zu zeigen. Sie formen auch einen Third Space, der nur temporär ist, denn durch die geschlechtliche Hybridität, von manchen schon als geschlechtliche „Inversion“ (ein Quatschbegriff natürlich!) gesehen, ist es ihnen nicht vergönnt ihre Sexualität auszuleben.

Wenn wir uns das folgende Beispiel ansehen dürfte der letzte Punkt klarer werden.

Toph Bei Fong

[Sorry, aber bei dem Video wurde die Funktion des Einbettens deaktiviert. Bei dem Video geht es einfach nur um eine Aneinanderreihung verschiedener Kampfszenen von Toph Bei Fong.]

Toph ist ein Mädchen des „Earth Kingdom“ (ich hab die Serie nur auf Englisch gesehen, sorry), das die Fähigkeit besitzt Erde, Steine oder Mineralien im Allgemeinen zu kontrollieren. Sie ist etwa 11 Jahre alt und war von den Machern zunächst als Junge konzipiert worden, bis jemand vorschlug „Hey, macht doch ein Mädchen aus ihr“.

Von Beginn an wird Toph als eine Figur mit zwei Persönlichkeiten dargestellt. Aufgezogen als Tochter einer reichen Familie mit guten Manieren, hübschem Äußeren und zarter Konstitution (ach ja, hab ich erwähnt, dass sie blind ist?) wird sie als Püppchen gehalten. Abends aber wirft sie die Püppchen-Klamotte ab und wird zum „Blind Bandit“, zieht sich Hosen an und kämpft in einem Wrestling-ähnlichen Kampfsport gegen andere „Earthbender“ (dh., andere, die Steine manipulieren können). Kaum zu erwähnen, dass sie später die Tochter aus gutem Hause hinter sich lässt und fortan mit Team Avatar und ihrem „wahren“ Ich tolle Abenteuer erlebt, um die Feuer-Nazis zu besiegen.

Toph ist die einzige (!) Figur in der Originalserie, die Earthbender und gleichzeitig biologisch weiblich ist. Ich sage hier „biologisch“ weiblich, denn die Geschlechterrolle, die sie einnimmt ist weit weg von dem, was man als die weibliche  Geschlechterrolle wahrnimmt. Der Unterschied zwischen den jeweiligen Geschlechterrollen wurde deutlich gemacht als Toph zwischen Püppchen und Wrestlerin hin- und herwechselte. Dies mag daraus resultieren, dass die Kampfsportart des Earthbendings sehr wenig auf Eleganz, sondern Bodenhaftigkeit, sichere Schrittstellung und Kraft basiert.

Toph hat durch die Übertretung der für sie als Mädchen geltenden Geschlechternormen mehrere Vorteile erlangt: 1. Sie kann ihren eigenen Willen durchsetzen. 2. Sie kann Mineralien manipulieren und sich im Dreck suhlen (könnte sie wohl auch als Püppchen, würde es aber wohl nicht tun). 3. Sie ist keinem sozialen Druck mehr ausgesetzt.

Gerade durch das Übertreten von Geschlechternormen wird Toph zu einer beliebten Figur. An keiner Stelle wird die Übertretung als unnatürlich oder komisch empfunden. Aber genau das kann auch nur passieren, indem Toph bestimmte Regeln einhält, die wiederum dem konservativen Charakter einer US-amerikanischen Kinderserie entspricht.

Toph ist eine der wenigen Hauptfiguren der Serie, die keine romantische Beziehung zu jemand anderem eingeht oder Liebesgefühle zeigt. Das hat nichts mit ihrem jungen Alter zu tun, da es sogar noch jüngere, verliebte Figuren in der Serie gibt.

Toph ist eine Ausnahme, da sie sämtliche Charakteristika eines 11-12jährigen Jungen besitzt. In einer heteronormativen Umwelt, ist es also nicht möglich, dass sie eine sexuell-romantische Beziehung eingeht. Egal zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen fühlen würde, wäre es eine Übertretung heteronormativer Grundwerte. Sie muss also „entsexualisiert“ werden, um sie zu einem Charakter werden zu lassen, der vom Publikum akzeptiert wird. Ähnliche Tendenzen lassen sich auch bei anderen Figuren feststellen, jedoch nicht in so ausgeprägtem Maße wie bei Toph.

Auch wenn die Grenzen dessen, was das ideale heteronormative Publikum noch verkraften kann, weit nach hinten geschoben wurden, so gibt es doch eindeutige rote Linien, die markieren, was erlaubt ist und was nicht. Interessant wird es daher wenn man die junge Toph Bei Fong mit der erwachsenen Figur, wie sie in der Nachfolgeserie „The Legend of Korra“ , dargestellt wird, vergleicht. Ich stelle bei der erwachsenen Toph ehrlich gesagt keine große Veränderung fest, doch der Gedanke, dass sie Mutter einer Bad-Ass-Police-Officer-Tochter ist, lässt einen doch mit der Frage zurück: „Hatte Toph etwa Sex mit einem Mann?!“ und ist somit in sich eine Übertretung.

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

2 Gedanken zu “Toph Bei Fong – Hybrides Geschlecht in Avatar – The last Airbender

  1. So, nachdem ich eben bei femgeeks festgestellt habe, dass du der Kenji von queering Japan bist, trau ich mich jetzt auch zum ersten mal, was zu kommentieren! (Ich les deinen blog nämlich schon eine Weile mit großem Interesse, bin aber mehr so der lurker-Typ… 🙂 )

    Ich hab mir schon seit einigen Monaten vorgenommen, endlich mal in Avatar reinzuschauen (nachdem ich von einem Freund mehrfach „bedrängt“ wurde 😉 ) – vielleicht sollte ich das wirklich endlich mal nachholen. Was du geschrieben hast, klingt nämlich sehr spannend!
    (Aus Neugier: Bei welchem CfP hattest du dich denn damit beworben?)

    Verfasst von Kristin | 26. Oktober 2012, 11:17
    • Ach, so, das war eine Ausgabe von „Transformative Works“, die sich vor allem dem Feld „Fan-Studies“ widmen, also der Erforschung von Fan-Kultur. Aber es wurde abgelehnt, da es sich nicht explizit um Fan-Studien handelt, sondern eher mit Gender und Medien zu tun hat. Naja.

      Aber warum hast du dich denn nicht getraut? Oh nein… hab ich schon einen Ruf voraus!?! … geschieht mir wohl recht….

      Verfasst von Kenji | 26. Oktober 2012, 16:45

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 2 years ago

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