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Geschichte, Heteronormativitätstheorie, Politik, Theorie, Wissenschaft

Queer Japan = Hentai Nihon 変態日本

Das Wort „Queer“ hat kaum eine wirkliche Entsprechung im Deutschen, die auch benutzbar wäre. Vielleicht kann man es als „pervers“ übersetzen, aber das wäre kontraproduktiv, da das Wort nach wie vor sehr negativ besetzt ist. Eine Aneignung bestimmter Begriffe benötigt den Willen der Beteiligten und geschieht auf einer Zwischenebene von bewusster und unbewusster Benutzung. Sobald sich ein Begriff nicht mehr so schlimm anfühlt, wird er auch häufiger und ungehemmter benutzt. Hat jemand schon einmal gesagt „Ich bin pervers“ und meinte damit er/sie sei schwul/lesbisch/bi/trans/a/unentschlossen?

Anders in Japan.

Dem Wissenschaftler Marc McLelland gemäß soll sich in Japan mittlerweile der Begriff „Hentai Gaku“ mehr und mehr durchsetzen (McLelland 2007) (ich hab davon noch nichts bemerkt, aber naja…). Wakoku.de sagt zum Begriff hentai folgendes:

1 Anomalie; Abnormität; Missbildung. 2 Perversion. 3 Metamorphose; Transformation; Verwandlung; Umwandlung.

Zwar können auch hier Begriffe wie „pervers“ hinzugefügt werden, aber die Anrüchigkeit kann in einem kokettierenden Zusammenhang verwendet werden und beschreibt tatsächlich eine Abkehr von normativem sexuellen Verhalten hin zu einer Zone der Anrüchigkeit. „Pervers“ im Deutschen dagegen suggeriert ein schädliches Verhalten.

Somit gibt es in Japan mittlerweile das Pendant zu den englischsprachigen Queer Studies, nämlich „Hentai Gaku“. Doch es gibt einen großen Unterschied. Die Hentai Gaku sind in ihrem Heimatland nicht so bekannt wie die Queer Studies in ihrem. Vielleicht teilen sich die Hentai Gaku genau dieses Charakteristikum mit den deutschen „Heteronormativitäts-Studien“ (ein Vorschlaghammer von einem Wort!).

Mittlerweile gibt es ein akademisches Zentrum, das sich einem Bereich dieser Forschung widmet. An der Chûô Universität in Tôkyô wurde das „Zentrum für Nachkriegssozialgeschichte von Transgender-Menschen in Japan“ 戦後日本トランスジェンダー社会歴史研究会 eingerichtet. Eine der Verantwortlichen ist Mitsuhashi Junko, einer Trans-Frau, die ein recht bekanntes Buch mit dem Titel 女装と日本人 (Die Japaner und Frauenkleidung) geschrieben hat. Ich habe es selbst gelesen und finde es scheiße. Witzigerweise beginnt es aber genau dort, wo ich mich gerade befinde, im International Research Center for Japanese Studies in Kyôto.  Auf der ersten Seite bewundert sie die tolle japanische Kirschblüte… Japaner haben häufig so einen Kitschfimmel… aber dasselbe kann wohl auch von den Deutschen und ihrer Beziehung zu Weihnachtsbäumen sagen…

Was folgt ist ein kurzer Abriss von Mann-Mann-Beziehungen in Japans Geschichte sowie ein paar geschichtliche Anekdoten, wo Männer Frauenkleidung tragen. Danach folgt mehr oder weniger eine Autobiographie mit vielen Bildern von (einer halbnackten) Mitsuhashi. Ich denke ich fand das Buch blöd, weil ich eine historische Abhandlung erwartet hatte. Man kriegt nun einmal nicht immer was man will…

Was Mitsuhashi jedoch in ihrem geschichtlichen Teil angeführt hat, waren unter anderem Chigo in buddhistischen Klöstern des Mittelalters.

Chigo waren eine Art Ministranten in Klöstern einer Vielzahl buddhistischer Strömungen. Erst mit einem Initiationsritual, das in der 2. Hälfte der Teens stattfand, wurden sie zu „Erwachsenen“. Bei diesem Ritual wurden ihnen u.a. die Haare, die bis zu diesem Zeitpunkt lang waren, abgeschnitten. Chigo wurden häufig in schöne Kleider gesteckt und mit Make-up bepinselt, was sie (aus heutiger Sicht) feminin erscheinen ließ. Ach so, und sie hatten recht häufig sexuellen Verkehr mit älteren Mönchen.

Problem hierbei: Chigo waren keine Transgender im heutigen Sinn. Sie waren eindeutig als männlich zu verorten, ansonsten hätten sie überhaupt gar nicht die Tempel betreten können, die für Frauen häufig tabu waren. Sie waren kein Frauenersatz, denn das würde bedeuten, dass es im  mittelalterlichen Japan eine heterosexuelle Hegemonie wie heute gab. Gab es aber nicht.

Was Mitsuhashi in ihrem Buch gemacht hat, war der Versuch einer Identitätskonstruktion, indem sie die Ursprünge der heutigen Transgender als etwas dargestellt hat, das es in Japan schon immer gab, um auf diesem Wege Legitimität für Transmenschen zu erlangen. Das ist eine Strategie, die weit verbreitet ist, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Sie hat versucht Geschichte als politisches Mittel zu benutzen. Ein Gegenbeispiel:

Es wurde vor allem in den 80er und 90er Jahren mit der Welle des Feminismus versucht, die verlorenen Frauenstimmen der Japanischen Geschichte wiederzufinden und auch zu argumentieren, dass Frauen in späten Altertum und frühen Mittelalter entscheidende politische, soziale, religiöse und wirtschaftliche Funktionen übernahmen. Dahinter war aber auch immer die gegenwärtige Situation im Blickfeld, sodass der Eindruck entstehen konnte, man sehne sich zurück in eine Zeit, in der alles noch gut war. (Das wird auch heute noch häufig so gemacht)

Ich sage nicht, dass das schlecht ist, ganz im Gegenteil, ich bin der Meinung, dass Identitätskonstruktion ein wesentliches Merkmal von (Kultur-)Geschichtswissenschaft ist, über das man sich aber als Historiker auch klar sein muss. Die Feminismuswelle Ende des 20. Jahrhunderts hat unglaublich viele, wichtige Errungenschaften auf dem Feld der Geschichtswissenschaft nach sich gezogen. Aber ich sehe auch einen klaren Unterschied zwischen Identitätskonstruktion und Instrumentalisierung von Geschichte als politisches Mittel.

Identitätskonstruktion mithilfe geschichtlicher Aufarbeitung hilft über die jetzige Situation zu reflektieren. Das heißt z.B. für heutige LGBTQ-Personen, dass Geschichte erforscht wird, die jenseits des heutigen, sexuellen Mainstreams anzusiedeln ist und somit neue Eindrücke der Geschichte zulässt, die vorher nicht so offensichtlich waren. Gleichzeitig hilft es aber die Sicht auf Personen jenseits des sexuellen Mainstreams in der heutigen Zeit zu stärken, ergo: Hentai Gaku.

Instrumentalisierung hingegen wird betrieben wenn Geschichte ausschließlich in den Dienst einer aktuellen politischen Agenda gestellt wird. Es wird nicht reflektiert, sondern nach Argumenten gesucht, die das eigene Lager stärken. Historische Kontexte werden mit der jetzigen Situation gleichgestellt und zu einem argumentativen Faden verarbeitet.

Mit dem, was ich mache, will ich nicht einfach Hentai-Politik betreiben, sondern eine Geschichtswissenschaft in der Japanologie fördern, die jenseits heutiger heteronormativer Kategorien arbeitet. Das bedeutet nicht, dass versucht wird die LGBTQ-Samurai auszubuddeln, die es nur in der Vorstellung mancher gegeben hat. Es bedeutet, dass gerade die Erkenntnis, dass wir in einer heteronormativen Welt leben dazu geführt hat, dass man sich mit Feldern auseinandersetzen kann, die jenseits dieses Denkmusters existieren. Das ist keine Verdrehung von Geschichte, sondern ein Perspektivenwechsel, der ebenso viel Wahrheit beinhaltet wie auch der Mainstream.

Marc McLelland (2007): Queer Voices from Japan. New York: Lexington Books.

Mitsuhashi Junko (2008): Josō to Nihonjin (Die Japaner und Frauenkleidung). Tōkyō: Kodansha.

Auch interessant: http://intersections.anu.edu.au/issue12_contents.html

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 2 years ago

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