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Medien, Soziales

Repräsentationen

Achtung! Unwissenschaftlicher Rant folgt!

Die Mediendebatte über die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in Deutschland ist mittlerweile soweit, dass ich einen Brechreiz bekommen habe und mich nun auskotzen muss, damit in meinen Magen neuer Scheiß reinpasst.

Ich gebe zu, ich habe bislang nur die ersten paar Minuten von Plasbergs „Hart aber Fair“-Sendung gesehen, in der es um Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben ging. Aufhänger war der schwul-lesbische Weihnachtsmarkt in Köln. Auch Plasberg hätte ja nichts dagegen wenn Homosexuelle die gleichen Rechte bekämen wie andere auch (Heteros natürlich, zu denen er sich selbst zählt, ohne es zu sagen. Klar, ist ja auch die Normalität!). Dann hält er einen Adventskalender hoch, der mit halbnackten Jungs in Weihnachtskostümierung verziert ist, und meint, als er DAS gesehen hätte, sich dann doch nicht mehr sicher gewesen wäre. Er meinte wohl damit die Sache mit der Gleichberechtigung. Wenn man doch GLEICHberechtigung haben möchte, warum muss man sich als so ANDERS stilisieren? Und spätestens an dieser Stelle entfuhr mir ein lautes „What the FUCK?!“. Kleinlaut musste Plasberg dann zugeben, dass das Beispiel vielleicht nicht ganz so passend sei. Aber das hat ihn nicht daran gehindert, den ersten Einspieler genau dazu zu bringen!

Gäste: Der Morgenstern, die No-Angels-Tante, Christen und Politiker oder so.

Plasberg hat das Thema vorgegeben und ich konnte nicht mehr weitersehen weil ich da schon zu sauer war. (Ich werd mir aber den Rest noch ansehen. Vielleicht ändere ich ja noch meine Meinung).

Zwei Dinge kann ich einfach nicht verstehen:

1. Warum hat niemand protestiert als das Thema vorgestellt wurde? Die Fragestellung ist bereit so diskriminierend, dumm und an der eigentlichen Thematik vorbeigehend, dass es doch eigentlich gar keine Diskussionsgrundlage geben kann! Der Gleichheitsanspruch geht an die RECHTE. Plasberg hat einfach angenommen Schwule und Lesben müssten so sein wie Heteros, um für sich gleiche Rechte beanspruchen zu dürfen. Ich werde sicherlich keine Hetero-Auflagen erfüllen. Ich verlange einfach!

Lieber Herr Plasberg, bitte hören Sie auf von sich auf mich zu schließen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Schwule und Lesben gelernt haben, ihre Sexualität als etwas Positives zu interpretieren  und sich damit eine sexuelle Identität zu schaffen, mit der sie leben können. Eine sexuelle Identität, die wir nicht selbst, sondern die von heterosexuellen Menschen erschaffen wurde. Ihr habt uns stigmatisiert, verfolgt, eingesperrt und getötet (ja, so weit gehe ich!) und nun sollen wir uns rechtfertigen weil wir heiraten und Kinder adoptieren wollen!? Wahrscheinlich sollten wir sogar dankbar dafür sein, dass wir es in Deutschland so gut haben? Ich werde mich nicht bedanken, entschuldigen oder zufrieden geben. Ich werde nur noch mehr verlangen.

2. Warum werden bei Talkshows Promis eingeladen, die für die Seite der Schwulen und Lesben stehen? PROMIS?! Ich will von Leuten vertreten werden, die ein wenig mehr als Lebenserfahrung haben. Danke, die hab ich auch. Es gibt so viele hochintellektuelle Menschen in Deutschland, die sich mit Gender und Queer Wissenschaften beschäftigen und darüber hinaus auch soziales Engagement zeigen. Wenn eben auch ein Andreas Kraß nicht eingeladen wird, oder vielleicht ja auch keine Zeit oder Interesse hat, wo sind dann zumindest die Vertreter des LSVD Bundesverbandes?

Herr Plasberg, haben sie vielleicht die Nummer nicht gefunden? War das Telefonbuch zu dick? Hatten die Leute dort niemanden, den Sie hätten losschicken können? Waren nur Promis zu erreichen?

Und auch auf der Gegenseite: Warum werden Kirchenheinis und Familienapostel eingeladen? Es ist doch von vorn herein sonnenklar, dass es hier kein Abrücken oder ein Einsehen geben kann! Wer mit Religion argumentiert, lässt im Normalfall keine andere Sichtweise zu, denn alles, was dagegen gehalten werden kann, prallt an einer meterdicken Wand aus BIBEL und GOTT ab. Familienapostel hingegen argumentieren damit, dass sie besser sind als Schwule und Lesben weil sie durchs Ficken Kinder kriegen können. Das ist eine so grundlegende Tatsache, dass sie Argumente, wie beispielsweise Kinder entstehen nicht durchs Ficken, sondern Befruchtung, nicht gelten lassen. Beides läuft auf eine Naturalisierung von Heterosexualität hinaus, die es aber, meiner Meinung nach, zu zerstören gilt! (die Naturalisierung meine ich natürlich)

Warum wird der Diskurs zu Schwulen und Lesben nur von Heteros geführt? Warum stellen die Heteros die Fragen an uns? Warum antworten wir auf Ihre Fragen? Werden wir überhaupt gehört? Es wird ernsthaft Zeit, dass wir versuchen, das Blatt zu wenden.

Herr Plasberg, seit wann sind sie schon heterosexuell? Haben Sie sich wegen Ihrer Heterosexualität jemals schlecht gefühlt? Hat jemand zu Ihnen schon Mal gesagt: „Oh cool! Ich wollte schon immer einen Hetero zum Freund!“. Sind sie insgeheim froh, nicht schwul zu sein?

Vielleicht hab ich ja was verpasst, was später kam und mich hätte umstimmen können. Zum Beispiel, dass die Kirchen- und „Familienverteidiger_innen“ niedergemacht wurden oder so. Falls dem so gewesen sein sollte, lasst es mich bitte wissen!

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

3 Gedanken zu “Repräsentationen

  1. Ja, Plasberg hat – so weit ich das mitbekam – sehr genau Stellung gegen die Irren der CDU eingenommen; was die Sache in der Gesamtschau aber nicht zum Besseren wandte. Die religiösmotivierten PolitikerInnen haben sich dann selbst durch ihre Borniertheit ins Aus gestellt.
    Es ging bei der Sendung nicht darum, Lebensrealitäten widerzuspiegeln, die ja unter uns vielfätlig sind. Dass wir uns über unsere Sexualität definieren – das berühmt-berüchtigte Beispiel ist dann immer der CSD -, liegt daran, dass wir darüber definiert werden. In solchen Situationen haben wir nicht die Definitionsmacht. Ich bräuchte keinen Kalender oder Weihnachtsmarkt, wenn nicht von mir ganz heteronormativ angenommen werden würde, dass ich ganz brav auf Herren stehe.

    Und ganz heteronormativ bestimmen dann auch Heteros – sehr selten Heteras -, wer denn für andere sprechen darf. Je unpolitischer, desto besser. Obwohl der CDU-Abgeordnete als Mitglied einer Partei, die genau ihn wegen seiner sexuellen Orientierung ablehnt, am Spannendsten gewesen wäre. Die Diskussion mit ihm und anderen Aktiven hätte wirklich etwas gehabt. Aber so werden die Irren auf die Ahnungslosen – in diesem Fall zwei Prominente – gehetzt. Ansonsten hätten sich alle Beteilgten ja über ihre eigene Rolle in Unterdrückungsverhältnissen klar werden müssen.

    Verfasst von Sem | 5. Dezember 2012, 13:58
    • vielen Dank für den tollen Kommentar! Ich muss sagen, dass er mir sehr zu denken gegeben hat. Und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das hier eine angemessene Antwort sein kann. Aber ich versuchs einfach mal 😉

      Ich sehe sehr klar die Schwierigkeit darin auf etwas reduziert zu werden oder sich selbst auf etwas zu reduzieren. Das Problem, das ich aber für mich sehe, ist die Frage, ob ich es verhindern kann von anderen aufs Homo-sein, Ausländer-sein, 1,67 m groß-sein reduziert zu werden. Ich will mich auch nicht selbst darauf reduzieren. Worum es mir aber in erster Linie ging, war die Frage, ob man die marginalisierte Position benutzen kann, um von ihr aus sprechen und der Heteronormativität einen Spiegel vorzuhalten. Es handelt sich hierbei um eine bewusste Entscheidung. Man kann auch für sich entscheiden, nichts zu tun oder zu versuchen nicht aufzufallen. Das meinte ich mit der „Priortiätensetzung“, denn ich kann gut verstehen, wenn Menschen sich genau zu dem zuletzt genannten entscheiden sollten, denn es handelt sich nicht nur um eine politische, sondern zutiefst persönliche Entscheidung. Es ging mir nicht um die Verleugnung des Selbst. Ich entschuldige mich für die ungenaue Formulierung und hoffe, dass ich nicht an Dir vorbei-geantwortet habe!

      Verfasst von Kenji | 6. Dezember 2012, 03:13
  2. Reblogged this on hetero tv und kommentierte:
    So undifferenziert gehen deutsche TV-Medien mit schwuler Identität und rechtlicher Gleichstellung um…

    Verfasst von thorsten | 10. Januar 2013, 15:23

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 2 years ago

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