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Heteronormativitätstheorie, Politik, Soziales, Theorie

Muss alles schwul sein?!

Ein Jahr ist vergangen seit ich dieses kleine Projekt gestartet habe. Ich habe es leider nicht geschafft so viel zu schreiben wie ich mir zu Beginn vorgenommen hatte, aber nichtsdestotrotz bin ich recht zufrieden.

In letzter Zeit denke ich vermehrt über die Repräsentanz von LGBTQ in der Öffentlichkeit nach und hatte in diesem Zusammenhang erst vor kurzem ein interessantes Gespräch. Es ging wieder einmal um den Gay Weihnachtsmarkt in Köln und die Frage, ob sich wirklich ALLES im Leben einer LGBTQ-Person um genau das drehen muss. Muss tatsächlich jeder Lebensbereich damit durchtränkt sein? Muss selbst so etwas wie das Weihnachtsfest in einen sexuellen Kontext gesetzt werden? Reicht es denn nicht, wenn wir einfach lesbisch/bi/trans/schwul/a oder queer/fragend sind? Muss denn wirklich alles nach außen getragen werden?

Nun, ja und nein (wie immer!). Zunächst einmal lassen diese Fragen vermuten, dass es Bereiche im Leben einer jeden Person gibt, die neutral sind. Das heißt Bereiche, in denen die Sexualität und Geschlechtlichkeit der Menschen keine Rolle spielen oder spielen sollten, wie eben beim Weihnachtsfest. Was vielen als so anstößig vorkam, war die Annahme, dass das Weihnachtsfest sexualisiert dargestellt wurde, was im Umkehrschluss bedeuten würde, Weihnachten sei entsexualisiert und geschlechterneutral. Und genau das glaube ich nicht.

Immer wenn nicht von der Abweichung der Norm gesprochen wird, tritt diese Norm wieder ein und wird zum herrschenden Denkmuster. Gleichzeitig aber stilisiert sich die Norm in den Köpfen der Menschen aber auch als das, was neutral oder unmarkiert ist. Der „normale“ Weihnachtsmarkt ist ein Schauplatz, in dem sich die meisten Menschen nicht über sexuelle Diskriminierung Gedanken machen (müssen). Es ist ein Ort, an dem das Sexuelle keine Bedeutung hat, was als eine Voraussetzung gilt, eine heterosexuelle Grundannahme zu beflügeln. Der unbelastete Geist ist ein solcher, dem sexuelle Ungleichheit gar nicht in den Sinn gelangt, was der Hegemonie der allseits angenommenen Mann-Frau-Beziehung Vorschub leistet.

LGBTQ-Menschen kennen es vielleicht. Starrende Blicke während man mit seinem Partner / seiner Partnerin durch die Stadt läuft, kichern der Glühweinverkäufer_innen, Leute, die ein entgeistertes „Na, sowas auch!“ von sich geben wenn man an ihnen händchenhaltend vorbeiläuft. Die Wahrheit ist, dass wir außerhalb dessen stehen, was von vielen anderen als „normal“ eingestuft wird.

Als ich in meinen späten Teens oder auch frühen 20ern war, habe ich die Aussage „Muss denn alles um mich herum schwul sein!?“ (für meinen speziellen Fall) gut verstanden. Genauso wie ich lange Zeit geglaubt habe, nur weil ich in Deutschland aufgewachsen bin, sei ich so deutsch wie alle anderen. Heute habe ich meine Sichtweise darauf grundlegend verändert. Heute frage ich mich, warum ich es nicht vorher als eine Abwehrhaltung gegen die schier erdrückende Verantwortung erkannt habe, die ich mir nicht selbst auferlegt habe, sondern die mir auferlegt wurde. Ich wünschte mir manchmal, ich müsste mir keine Gedanken über sexuelle und ethnische Unterdrückung machen.

Aber warum mache ich es trotzdem? Ich glaube, weil ich an einem Punkt angekommen bin, an dem ich mich nicht mehr mit der derzeitigen Situation geben kann. Es stört mich nicht, dass mich andere als „anders“ betrachten, sondern es stört mich, dass andere glauben sie seien „normaler“ als ich. Das „Normalsein“ hat seine Vorzüge. Man muss sich keine Gedanken über sich selbst und seine Welt machen. Man kann frohen Mutes sorgenfrei über den Weihnachtsmarkt schlendern. Aber das „Unnormal-sein“ hat ebenfalls seine Vorzüge. Die marginalisierte Position motiviert zur Meinungsäußerung und zur politischen Bewegung. Wenn ich diesem Drang nicht folgen würde, wäre das für mich persönlich mittlerweile ein Verrat an meinem „Unnormal-sein“.

Nun die andere Seite. Den LGBTQ-Weihnachtsmarkt kann man auf seine Art auch als sehr heteronormativ interpretieren. Er hat in einem weiteren Schritt dafür gesorgt, dass sexuelle Minderheiten kommerzialisiert und auf sexuelle Praktiken reduziert wurden.

Wenn sich Leute aber darüber aufregten, dass ein schwuler Dildo-Stand nichts auf einem Weihnachtsmarkt zu suchen habe, kann ich dem teilweise auch zustimmen. Der Dildo-Stand wird zu einem Kuriosum, das eher dafür sorgt, LGBTQ-Fragen auszublenden und mit staunenden „Ooohs“ und „Ahhs“ zu füllen, als Antworten zur Selbstverständlichkeit der anderen (heterosexuellen) Weihnachtsmärkte zu liefern. Aber das war wohl nicht der Grund für den Aufschrei. Viel eher wurde wohl etwas, was mit „Sittlichkeit“ zu tun hat, moniert.

Trotz allem habe ich im Gay-Weihnachtsmarkt auch einen Schritt zu mehr Sichtbarkeit von LGBTQs und eine Kritik am entsexualisierten Weihnachtsfest gesehen. Ich fürchte nur, dass genau das nicht die Hauptintention der Organisatoren war. Ich glaube, viel wichtiger wäre mir ein Weihnachtsmarkt, der gegen die Diskriminierung von sexuellen, religiösen und ethnischen Minderheiten vorgeht. Aber ich fürchte, auch im nächsten Jahr werden die Weihnachtsmärkte so sein wie vorher: scheinchristlich und scheinheilig.  Und weiße Weihnachten haben wir auch wenn es nicht schneit.

Zurück zur Frage: „Muss denn alles in unserem Leben LGBTQ sein?“ Nein, muss es nicht. Es liegt letztendlich wohl doch daran, welche Prioritäten man in seinem Leben setzt.

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Muss alles schwul sein?!

  1. Du hast wirklich mit harten Themen zu tun, will mir scheinen.

    Ich finde es wichtig und richtig, immer wieder Öffentlichkeiten herzustellen. Also: darüber reden, reden, reden. Bzw. schreiben.

    Denn: Es ist die unmarkierte Position, die die Heterosexualität in unserer Gesellschaft einnimmt, die alles andere zur offensiven Sichtbarmachung zwingt. Und das mit zum Teil drastischen Mitteln. Das finde ich aber auch wichtig. Deswegen muss alles schwul sein – wie du über dich schreibst. Wozu müssen wir uns denn sonst ‚outen‘, wenn wir uns nicht absetzen müssten gegenüber der Heteronorm. Aus diesem Grund kommt es auch zur Sexualisierung von Lebensweisen, weil in der Nichtmarkierung nicht gesehen wird, dass es auch dabei um Sex geht: mit wem du schläfst, definiert dich. Das Schlimme daran ist, dass Homosexualität nur als Sex gesehen wird – oder schlimmer: als lifestyle -, während Heterosexualität das gesamte Leben umfasst. Und das auch darf. Und zur Systemerhaltung auch muss.

    Darum kann ich leider deinem letzten Satz nicht zustimmen: denn seit der Erfindung der Heterosexualität definieren wir uns bzw. werden wir definiert über unser Begehren. Das gesamte System der Geschlechterverhältnisse basiert darauf. Prioritäten zu setzen, würde bedeuten, dass wir Teile unserer Subjektkonstruktion anderen unterordnen. Das können wir nicht, weil Menschen immer Teile von uns an- und aufrufen werden, in denen wir uns unterscheiden und über die sie uns diskriminieren können. Und außerdem lehren uns die Theorien der Intersektionalität, dass Geschlecht, Ethnie, Sexualität, Klasse etc. ineinandergreifen. Wir können und sollten schon aus Selbsterhaltung keinen Teil von uns priorisieren. Und das bedeutet für mich: ich werde es gern Menschen mehrfach und so oft wie nötig sagen, mich mit ihrer Heterosexualität bitte in Frieden zu lassen. Denn ich bin davon im Alltag umzingelt.

    Verfasst von semiramis | 9. Januar 2013, 15:44

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 2 years ago

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