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Geschichte, Heteronormativitätstheorie, Wissenschaft

Gleichgeschlechtlicher Hetero-Sex, oder: Nanshoku-Interpretationen

Wie vielleicht einige bereits wissen befasse ich mich in meinen Studien unter anderem mit gleichgeschlechtlicher Sexualität im mittelalterlichen Buddhismus Japans. Wenn nicht, dann wisst Ihrs jetzt.

Ich schaue vor allem auf Praktiken innerhalb des Buddhismus im 13. Jahrhundert (Kamakura-Zeit) und versuche herauszufinden, inwieweit ein Selbstbewusstsein für eine eigene Sexualität konstruiert wurde. Im Vordergrund stehen die Beziehungen zwischen Ministranten (chigo 稚児), die in ihrem frühen Teenageralter sind, und älteren Mönchen, die sie unter ihre „Fittiche“ genommen haben. Es wurde erwartet, dass sich zwischen Lehrer und Schüler eine innige, häufig auch sexuell, intime, Beziehung entwickelte, die sogar durch spezielle Riten eine eigene Legitimität erhalten hat. Die Jungen waren oft in schöne Gewänder gepackt, trugen Make-up und es wurde von ihnen erwartet, dass sie zu festlichen Ereignissen tanzten und sangen. Häufig werden diese Beziehungen als die nanshoku-Tradition (男色) bezeichnet.

Dazu muss ich nicht nur japanische Quellen durcharbeiten, sondern mich selbstverständlich auch mit der japanischen Sekundärliteratur dazu befassen. Und das ist häufig der Moment, an dem ich mit dem Kopf schüttel/laut auflache/große Augen mache/Kotzebrocken runterschlucke/weinen möchte.

Damit Ihr mich versteht, werde ich nun zwei (recht moderne!) Titel vorstellen:

Der erste ist von einem Herrn Sunaga mit dem (übersetzen) Titel: „Schöne Knaben in Japans Geschichte“ (volle Literaturangaben alle am Ende des Beitrags).

Sunaga versucht uns eine Erklärung für das homosexuelle Verhalten zu liefern und verläuft sich auf grausamste Weise in biologischem Wirrwarr. Er meint, dass innerhalb vom rein homosozialen Gruppen (Frauen durften die Tempel nicht betreten) homosexuelles Verhalten häufiger auftrete, aber es gäbe schließlich eine noch bessere Erklärung dafür (jetzt kommts!):

Alle Menschen sind im pränatalen Zustand zunächst erst einmal weiblich. Die Entwicklung der männlichen Geschlechtsorgane tritt erst ab einem späteren Zeitpunkt ein. Daher gibt es bei Männern allgemein einen Hang zum Hermaphroditismus (!!!). (S. 8)

Lasst uns jetzt mal einiges klarstellen:

–          Homosexuelles Verhalten ist eine Form von Hermaphroditismus

–          Homosexuelles Verhalten unter Männern zeigt den weiblichen Ursprung des Mannes

–          Ergo: homosexuelles Verhalten unter Frauen KANN es nicht geben.

–          Ergo: ein soziales Geschlecht kann es nicht geben, denn der biologische Zustand des/der Hermaphroditen zeigt sich im Verhalten, der Kleidung, des Make-up etc.

seiai no nihonchusei

Ein weiteres Highlight habe ich bei Frau Tanaka, die ich übrigens persönlich kennengelernt habe (bevor ich ihr Buch gelesen  habe) gefunden, in dem Buch „Geschlechtliche Liebe im Mittelalter Japans“.

Frau Tanaka hat Judith Butlers „Gender Trouble“ gelesen ….und nicht verstanden.

Zuerst wurde ich stutzig, als ich las, dass alle sexuellen Beziehungen in „aktiv“ und „passiv“ eingeteilt werden und zwangsweise eine Rollenverteilung in „penetriert“ und „penetriert werden“ vorgenommen wird. Auch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen kann es keine Egalität geben (S. 13). Noch größer wurden meine Augen als es auf S. 19 hieß, dass Chigo weder ein soziales NOCH ein biologisches weibliches männliches (sorry, da war mir ein Fehler unterlaufen!) Geschlecht hätten. Wie kommt man auf die Idee, dass 15-jährige Jungen in weiblich anmutender Tracht plötzlich nicht mehr biologisch männlich seien?

Die Antwort findet man erst einige Seiten weiter (S. 44), denn hier zitiert Tanaka Judith Butlers „Gender Trouble“. Genau die Stelle, an der Butler die Frage stellt, ob Sex nicht schon immer Gender gewesen sein. Zugegeben, eine Stelle, die von vielen nach der Veröffentlichung missinterpretiert worden ist, wohl auch weil Butler nicht dafür bekannt ist, sich besonders klar auszudrücken. Doch die eigentliche Intention hinter dieser Aussage wurde im Folgewerk „Bodies that matter“ ausgeführt.

Tanaka jedoch hat die Aussage unreflektiert übernommen und argumentiert,  da es keinen Unterschied zwischen Sex und Gender gebe, müsste man die Beziehungen zwischen Mönchen und ihren Ministranten als heterosexuell einstufen, denn die Knaben sind eigentlich weiblich.

WARUM?!

Die beiden Beispiele sind selbstverständlich nicht die einzigen Arbeiten zu diesem Thema, doch ich bin mittlerweile recht verschreckt über die Unkenntnis, die manche japanische Geschichtswissenschaftler an den Tag legen.

Zurzeit lese ich einen Artikel von einem Senpai von mir, Hiramatsu Ryōen, (leider nicht kennengelernt), der wohl etwas differenzierter an die Sache herangeht, aber noch habe ich nicht alles aus seinem Artikel gelesen.

Für alle, die sich aber für diese Thema mehr interessieren: Hier die Literaturdaten:

Hiramatsu, Ryôen: (2007): Bukkyô ni okeru sô to chigo no nanshoku [Nanshoku zwischen Mönchen und Ministranten im japanischen Buddhismus]. In: Nihon Kenkyû, H. 34, S. 89–130.

Tanaka, Takako: (2004): Seiai no Nihon chūsei [Geschlechtliche Liebe im Mittelalter Japans]. Tōkyō: Chikuma Shobō.

Sunaga, Asahiko: (2002): Bishōnen Nippon shi [Schöne Knaben in Japans Geschichte]. Tōkyō: Kokusho Kankōkai.

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

4 Gedanken zu “Gleichgeschlechtlicher Hetero-Sex, oder: Nanshoku-Interpretationen

  1. Spannende Lektüre muss ich sagen. Ich habe viel gelernt.
    (Oje, ich fürchte, dass meine Kommentar wieder länger werden wird.)

    Darf ich gestehen, dass mich das Argument von Tanaka Takako verwirrt? Selbst mit dem Argument, dass Sex schon immer Gender gewesen ist, werden die Jungen nicht auf einmal weiblich. Ich finde dein WARUM mehr als berechtigt. Was meint sie damit? Ich habe die wage Vermutung, dass Tanaka das gesamte Buch missverstanden hat, denn sie scheint mir – in der kurzen Lesung in deinem Text – den gesamten Zusammenhang von Geschlecht-Begehren-Zwangsheterosxualität nicht verstanden zu haben. Geht sie den Weg rückwärts? Da Gender=Sex, also zwei Männer bedeuten, einer muss dabei die Frau sein, da außerhalb einer Zwangsheterosxuelität nicht gedacht werden kann? Die Dame verwirrt mich.

    Ich wäre vorsichtig, gleichgeschlechtliche Beziehungen unserer Gegenwart mit denen früherer Jahrhunderte zu vergleichen. Penetration stellt ein wichtigen Machtfaktor in hierarchischen Beziehungen dar – ich mochte die Diskussion des Phallus in Butlers „Bodies that matter“. Sind durch den Altersunterschied bereits Positionen in der Beziehung festgelegt, auch im sexuellen Akt, oder erzählen nur die Forschenden Unsinn. Ich frage das, denn die Gleichsetzung von Phallus=Penis verwirrt besonders Menschen, die außheralb der Forschung nichts mit gleichgeschlechtlichen Lebensweisen zu tun haben, scheint es mir manchmal. Dass sie Penetration als Ausdruck von Männlichkeit begreifen und alles andere als Weiblichkeit. Leupp in Male Clors schreibt manchmal auch solch einen Unsinn, wenn es um die Machtgefälle in Nanshoku-Beziehungen der Edo-Zeit geht.

    Ich bin über die Sätze gestolpert: „Noch größer wurden meine Augen als es auf S. 19 hieß, dass Chigo weder ein soziales NOCH ein biologisches weibliches Geschlecht hätten. Wie kommt man auf die Idee, dass 15-jährige Jungen in weiblich anmutender Tracht plötzlich nicht mehr biologisch männlich seien?“
    Funktionieren die Argumentation über Assoziation? (Ich kenne das aus einigen japanischen Büchern.) Ist deine Frage: warum bringt sie das weibliche Geschlecht überhaupt auf? Denn sie sagt ja, dass die Chigo weder vom sozialen noch biologischen Geschlecht weiblich sind. Die Aussage ist erst einmal richtig. Denn die Chigo sind männlich.

    Herrn Sunagas Erklärungen finde ich ja herzig. „Hermaphroditismus“ als Erklärung für gleichgeschlechtliches Begehren. Was ist nicht ganz verstanden habe, ist: meint er, dass Männer auch nach der Geburt biologisch weiblich sind? Versteht er „Hermaphroditismus“ als sex oder gender? Oder sogar beides? Dass es gleichgeschlechtliches Begehren zwischen Frauen deswegen nicht geben kann, ist damit eigentlich nicht gesagt. Denn wenn wir sowieso alle (biologisch) Frauen sind, begehren Frauen auch Frauen. Egal ob in der männlichen oder weiblichen (phänotypischen) Form. Mir scheint es eher, dass Frauen als sex/gender in seiner Theorie keine Rolle spielen.

    Ich halte eine Erklärung von homosozialen Verhalten und Begehren in Umgebungen, in denen sich nur ein Geschlecht aufhält, nicht von Vornherein für ausschließenswert. Denn sie zeigt sehr schön, dass eher gegengeschlechtliches Begehren sozial normiert, also heteronormativ ist und damit nun wirklich nichts mit „natürlich“ zu tun hat. In Gesellschaften, in denen gleichgeschlechtlicher Umgang tagtäglich ist und sogar gut geheißen wird, sind auch gleichgeschlechtliche sexuellen Praxen „normal“. Die Erklärung von Homosozialität wird für uns Forschende nur dann ein Problem, wenn wir von rein biologistisch auf Homo – bzw. Heterosexualität schauen. „Born this way“ hat auch seine (wissenschaftlichen) Schattenseiten.

    Verfasst von Sem | 1. Februar 2013, 11:20
    • Wieder einmal: Vielen Dank für den Kommentar!

      Zunächst einmal muss ich leider gestehen, dass mir ein schwerwiegender Fehler unterlaufen ist. Der Satz, den Du zitiert hattest, musste heißen: Noch größer wurden meine Augen als es auf S. 19 hieß, dass Chigo weder ein soziales NOCH ein biologisches MÄNNLICHES Geschlecht hätten.

      Tut mir sehr Leid, dass das zu Verwirrung geführt hat! Tanaka nimmt an dieser Stelle Judith Butler zu wörtlich. Nachdem Butler gefragt hat, ob Sex nicht schon immer Gender gewesen sein mag, schließt Tanaka hieraus, dass es Sex überhaupt nicht gäbe. Ergo: Chigo sind weiblich. Ergo: Nanshoku-Beziehungen sind heterosexuell. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Und es kann auch nicht daran liegen, dass ihr Englisch nicht gut genug wäre, denn sie hat die japanische Übersetzung zitiert.

      Ich stimme Dir auch vollkommen bezüglich der Gefahr des Anachronismus bei der Untersuchung gleichgeschlechtlicher Beziehungen in einem zeitlich und örtlich entfernten Raum zu! Ohne den springenden Punkt meiner Dissertation verraten zu wollen, habe ich versucht das Wort „Homosexualität“ hier zu vermeiden, aber was dabei rauskommt ist häufig ein unbeholfenes, sprachliches Stolpern und Stottern. Das, was das sexuelle Empfinden damals ausgemacht hat, war ganz sicherlich keine Homosexualität (oder gleichgeschlechtliche Beziehung) wie wir sie heute kennen. Sie war u.a. eindeutig hierarchisch aufgebaut, aber ich widerspreche Tanaka wenn sie sagt, dass ALLE sexuellen Beziehungen hierarchisch sind. Wenn sie das wirklich glaubt, tut sie mir ehrlich Leid.

      Herr Sunaga hat mich übrigens auch gut zum Lachen gebracht. Und vorab: ja, er verliert kein Wort über Frauen oder weibliche Homosexualität. Wie so häufig wird dieses Thema ausgeblendet. Herr Sunaga trifft keine Unterscheidung zwischen sex oder gender. Für ihn scheint alles das selbe zu sein. Beispiel: wenn ein Mann sich in einem Kleid wohlfühlt, wäre das für ihn wohl genauso ein Zeichen von „Hermaphroditismus“ wie wenn er sich gerne penetrieren lässt.

      Homosexualität aufgrund homosozialer Umgebungen schließe ich ebenfalls nicht von vorn herein aus. Doch leider wird sie in japanischer Literatur sehr oft als einziger Grund angeführt. Wenn ausschließlich so argumentiert wird, wird die Gleichung Mann+Frau=Sex schnell naturalisiert und gleichgeschlechtliches Begehren von vorn herein ausgeschlossen, oder darauf zurückgeführt, dass es einen Frauenmangel gibt. Aber Deine Argumentation macht auch Sinn. Darüber werde ich noch weiter nachdenken müssen!

      Verfasst von Kenji | 4. Februar 2013, 09:04
  2. Hi,
    Ist die Arbeit fertig? Mich würde sehr interessieren, sie zu lesen … Wenn du Lust hast, melde dich doch mal bei mir. Würde mich freuen.

    Verfasst von Karsten Kenklies | 3. August 2014, 14:37
    • Hallo Karsten!

      Ich bin leider in letzter Zeit sehr, sehr, sehr schreibfaul gewesen, weshalb es auch einmal ein paar Monate dauern kann, bis ich antworte 😦 Meine Arbeit wird noch ein wenig dauern, aber ich hoffe, dass es unter 2 Jahre sind.

      Verfasst von Kenji | 1. November 2014, 12:20

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
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