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Geschlechtertheorie, Kultur, Medien, Soziales

Verständnis, Unverständnis und Missverständnis

Ich habe vorhin einen Beitrag auf queer.de gelesen, in welchem über einen britischen Wissenschaftler berichtet wird, der bemängelt, dass in Tierdokumentationen der BBC Homosexualität ausgeblendet wird. Das liege daran, dass bewusst (!) heteronormative Denkmuster angewandt werden, um das Gezeigte dem Publikum intelligibel zu machen.  Ich sollte noch dazu sagen, dass es sich bei dem Kritiker nicht um einen Biologen handelt, sondern um einen Wissenschaftler aus dem Bereich der Television and Media Studies. Den Link zu seinem Profil findet ihr unten auch (ist schließlich öffentlich, oder?).

Queer.de hat in seinem Subheader zum Beitrag leider von „lesbischen“ und „schwulen“ Tieren gesprochen, was ich leider so nicht unkommentiert stehen lassen kann.

Ich habe in der Kritik von Mills, dem oben genannten Wissenschaftler, nicht in erster Linie einen Aufruf gegen das heteronormative Establishment gelesen, sondern eine Kritik an der Projektion eigener normativer Werte auf das Tierreich. Queer.de hat leider genau dasselbe gemacht, indem sie Tieren eine sexuelle Identität unterstellen und sie damit in den Dienst der eigenen politischen Agenda stellen. Das geht auch nicht.

Das Tierreich kann durch den Blick der Filmemacher leicht so manipuliert werden, dass sich die Zuschauer mit ihm (dem Tierreich) identifizieren können – evtl. auch ein Grund, weshalb sich heterosexistische Menschen gerne auf das Beispiel „Natur“ und das Tierreich beziehen – da sich das Tierreich dem schlecht entziehen oder mit den Menschen in explizit kommunikativen Kontakt treten kann, der nur wenig Spielraum für Interpretationen lässt (Sprache). Doch wie ist das bei Menschen und unterschiedlichen Kulturen?

Vor ein etwas mehr als einer Woche begann dieses Video einer Sängerin der japanischen Girl-Pop-Gruppe AKB48 die Runde zu machen. Die Sängerin entschuldigt sich dafür, die Fans, die Band, Freunde und Verwandte enttäuscht zu haben, da sie verbotenerweise einen Freund hatte. Dazu hatte sie wohl einen Vertrag unterschrieben, obwohl ich immer noch glaube, dass das nicht rechtsgültig ist. Daher hat sie sich den Kopf geschert und bettelt um Vergebung.

(Das Original wurde mittlerweile von AKB48 vom Netz genommen und ich habe es auch sonst nicht finden könne. Für Hinweise, wo man es doch noch bekommen kann, wäre ich dankbar!)

Auf Google+, das mir merkwürdigerweise noch rassistischer und Sexistischer als Facebook erscheint, hat Spiegel Online einen Beitrag dazu gebracht. Neben Kommentaren wie diesem:

„Entschuldigung: Level Asian. ^^ Aber zum anbeissen sind die Mädels schon. Wirken so schüchtern und unschuldig grrrrr :))“

Gab es auch sowas:

„Die Japaner haben noch so viel Anstand sich oft und ehrlich für ihr „Vergehen“ zu entschuldigen.
Wobei die ganze Sache wohl nicht so schlimm ist. Vielleicht hat das auch mit der japanischen Mentalität zu tun. „

Nun, zunächst ist es schon beschämend, dass sich Japan immer noch auf dem Level einer Gesellschaft befindet, in der Mädchen und junge Frauen das  Gefühl haben, sich selbst auf solche grausame Art und Weise selbst erniedrigen zu müssen. Zu dem ganzen Girl-Band-Phänomen und dem sexistischen Hintergrund hat die Japan Times einen sehr guten Meinungs-Beitrag geschrieben, dem ich nur vollkommen zustimmen kann!

Und ja, es hat auch etwas mit der „japanischen Mentalität“ zu tun. Da bin ich mir ziemlich sicher, obwohl ich jetzt nicht vorhabe dieses Thema näher zu beleuchten.

Ich glaube, dass an dieser Stelle der Schritt zur kulturellen Relativierung sehr viel ausgeprägter ist. Im Gegensatz zum Tierreich, da es dort keine Kultur gibt, die durch den Filter des menschlichen Rezipienten dekodiert werden muss. Wenn wir das Tierreich mit „Natur“ gleichsetzen, ist es für den Menschen relativ einfach diese aufzunehmen, da die Erfahrung der Natur immer nur durch das kulturelle Bewusstsein des Menschen aufgenommen werden kann. Die „Natur“, wie sie IST, kann nur ein abstraktes Konzept der menschlichen Vorstellung bleiben, denn wir sind durch die Grenzen menschlicher & kultureller Erlebnismöglichkeiten eingeschränkt.

Nun zum anderen Beispiel: die Dekodierung des Selbsterniedrigung des AKB48-Mitglieds ist ungleich schwerer für Außenstehende. Hier haben wir keine passive Kultur, die dem menschlichen Blick angepasst werden kann. Die Betrachter des Videos wissen, dass sich ein anderer kultureller Rahmen hinter dem Gesehenen verbirgt, der nicht ohne weiteres verstanden oder assimiliert werden kann. Das kann frustrierend sein und führt zu Äußerungen wie „ist eben ne andere Mentalität.

Darin liegt aber auch eine Gefahr. Den Gepard, der einen Rehbock reißt, kann man nicht moralisch verurteilen, da Gewissen, Machtempfinden und Leid nicht zur Kategorie „Natur“, sondern „Kultur“ gehören (und mir ist bewusst, dass es sich um eine künstliche Dichotomie handelt). Und hier haben wir auch die entscheidende Parallele, die menschliche Erfahrungen unterschiedlicher Kulturen miteinander verbinden.

Das, was dazu geführt hat, dass sich Minami Minegishi den Kopf rasiert hat und vor eine Kamera getreten ist, um sich mit tiefen, lang anhaltenden Verbeugungen und Tränen für ein Vergehen zu entschuldigen, etwas das man bei einem Mann einfach übersehen hätte, ist klar zu verurteilen! Es handelt sich hier um widerliches, sexistisches System, das sich so tief in die Beteiligten eingebrannt hat, dass sie sich selbst für Übertretungen züchtigen müssen.

Es wäre wohl etwas anderes wenn Japan ein von anderen Zivilisationen abgeschnittenes Land  mit weitgehend indigener Kultur wäre. Ist es aber nicht. Daher muss auch Japan nach denselben ethisch-moralischen Maßstäben bewertet werden, wie Deutsche, Norweger, Briten, Amerikaner, Chinesen, Russen etc. Ohne diese selben Maßstäbe wäre eine Kommunikation kaum möglich.

Anders herum gesagt: Tut man dies nicht, würde man Japan die eigenen ethisch-moralischen Werte vorenthalten und auch Minami Minegishis Schicksal als fatalistisches Karma abhaken.

 Links: 

http://www.queer.de/detail.php?article_id=18520

http://eastanglia.academia.edu/BrettMills

http://www.japantimes.co.jp/culture/2013/02/01/music/akb48-members-penance-shows-flaws-in-idol-culture/

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 2 years ago

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