//
du liest gerade...
Politik, Soziales

Feminismus vs. LDP

Der japanische Neo-Liberalismus ist schuld am schwächelnden Feminismus in Japan. Das ist die These der führenden Feministin Japans Ueno Chizuko.

Die japanische Alice Schwarzer im schicken Designer-Kleid ist nicht nur wie ihr deutsches Pendant im ganzen Land wohl bekannt, sie ist auch eine Reizfigur, an der sich die Geister scheiden, erfolgreiche Buchautorin, harsche Kritikerin des männlichen Establishments und mittlerweile emeritierte Professorin der Tōkyō Universität.

Kürzlich bin ich über diese Vorlesung von ihr, die auf Youtube veröffentlicht wurde, gestoßen, die unter dem Titel „Forty Years of Japanese Feminism: What It Has Achieved … and What It Has Not“ stand. Hier versucht Ueno die Licht- und Schattenseiten der letzten Jahre zu beleuchten, bleibt aber vor allem in der Gegenwart verhaften, was meiner Meinung nach nicht wirklich dem Anspruch von Selbstreflektion, wie es der Titel verspricht, entspricht. Aber ich versuche, die Kernpunkte einmal wiederzugeben:

Warum also durchlebt der japanische Feminismus zurzeit eine Tiefphase? Dies liegt vor allem daran, dass sich Frauen selbst als Opfer ihrer eigenen Inkompetenz sehen. Sie haben kein Selbstvertrauen und sind davon überzeugt, dass sie bestimmten Ansprüchen nicht genügen. Und welche Ansprüche sind das? Es sind die Ansprüche des Neo-Liberalismus, wie er unter dem damaligen Premierminister Koizumi Junichirō propagiert wurde – eine verspätete Version des Thatcherismus oder Reaganismus.

Dieser Neo-Liberalismus fordert von jedem einzelnen ein Höchstmaß an Performance und Fleiß. Jede_r ist seines/ihres Glückes Schmied. Dieses Motto geht aber davon aus, dass jede_r die selben Chancen besitzt. Dieser Egalitätsanspruch kann aber nicht funktionieren, da es einen internalisierten, gesellschaftlichen Sexismus gibt. Folge davon ist zum einen, dass Frauen in den Entscheidungsdruck kommen, zwischen Familie und Karriere eine Wahl zu treffen. Wählen sie den Karriereweg, wie auch Ueno, haben sie häufig nicht die Aufstiegsmöglichkeiten von Männern, landen in prekären Arbeitsverhältnissen und werden zu Schuldigen des demographischen Wandels. Daher fordert Ueno für Frauen feste, sichere Jobs mit geringen Arbeitszeiten und Männer, die sich an der Erziehung beteiligen, um Kinder mit Beruf vereinen zu können.

Der Neo-Liberalismus ist an sich nicht frauenfeindlich. Im Gegenteil, er versucht Frauen zu fördern und das Maximum an Produktivität zu erreichen. Aber er geht auch nicht aktiv gegen Sexismus vor. Das liegt, so Ueno, an dem mit dem Neo-Liberalismus einhergehenden Neo-Nationalismus einher, der alles daran setzt, eine Gleichberechtigung der Geschlechter (und Sexualitäten) zu verhindern.

Insgesamt sieht Ueno in den nationalistischen, rechten Tendenzen eine ernste Gefahr für Frieden und Gleichberechtigung. Ich möchte dazu anmerken, dass es auch Ueno war, die Ende der 80er Jahre das International Research Center for Japanese Studies (Nichibunken) kritisiert hat, da sie fürchtete, es sei eine Einrichtung die dem japanischen Nationalismus zugute käme. Für Japaner mag das stimmen. Für Ausländer ist es eine geniale Forschungseinrichtung…

Einer der Streitpunkte zwischen Nationalisten und Feminist_innen ist nach wie vor die Frage der „Trostfrauen“ (japanisch) und der „militärischen Sexsklaverei“ (sicherlich der vorzuziehende Begriff). Erst vor kurzem hat der Bürgermeister der Stadt Ōsaka Hashimoto Toru, den Mitbegründer der Partei Ishin no Kai, tatsächlich bei einem Besuch auf Okinawa behauptet, die „Trostfrauen“ seien ein notwendige Übel gewesen, um in der Kompanie für Ordnung zu sorge, e.g. die Soldaten mussten Frauen systematisch vergewaltigen, damit sie als Soldaten weiterhin tauglich sind. Eine Aussage, die nicht nur wenig Sinn ergibt, sondern auch eine Frauenorganisation auf Okinawa auf den Plan gerufen hat, die diesen Quatsch auf das Schärfste verurteilte. Zu Recht kritisierten sie u.a. die männliche Tendenz, sexuelle Verantwortung auf Frauen zu übertragen und sie dann als Ventil sexueller Frustration zu benutzen. (Siehe dazu den Artikel auf der Japan Times) (…Hashimoto ist eh ne Wurst)

Ueno zieht in ihrem Vortrag eine Parallele zwischen nationalistischer Gesinnung, Ablehnung von Pazifismus (wie er eigentlich in Art. 9 der Verfassung gefordert wird) und Unterstützung der Atomenergie. Diese drei Elemente gehen in Japan Hand in Hand und bilden eine Front, die sich auch gegen geschlechtliche und sexuelle Gleichberechtigung stellt. Die Liberaldemokratische Partei (LDP), die den Neo-Liberalismus vertritt, hingegen ist für eine Unterstützung von Frauen in der Arbeitswelt, unterstützt aber nicht wirklich die Menschenrechte von Frauen und LGBT. Lediglich die Demokratische Partei Japan (DPJ) stimmt mehr oder weniger mit den feministischen Zielen überein, wurde aber Ende des letzten Jahres abgewählt.

feminismus vs. ldp

Der blaue Bereich deutet die Zustimmung zu bestimmten Themen an. Die Demokratische Partei stimmt allgemein mit sehr viel mehr Zielen des Ueno’schen Feminismus überein als die Liberaldemokratische Partei.

Zum Schluss äußert sich Ueno voller Bewunderung für Deutschland, das aus den Fehlern der Atomenergie gelernt hat und praktisch über Nacht eine ethisch vertretbare Politik, unsere liebe Energiewende,  verfolgt. Damit erfüllt Deutschland eine der drei  Voraussetzungen, die Ueno für ein gerechteres Japan sieht.

Deutschland als ein Vorbild ethischer Politik? Deutschland, das Utopia geschlechtlicher und sexueller Gleichstellung? … vielleicht ja irgendwann einmal. Aber andererseits bin ich manchmal auch froh, immer nur zeitlich begrenzt in Japan zu sein.

P.S.: Hier der Link zu Japan Times: http://www.japantimes.co.jp/news/2013/05/16/national/okinawa-womens-groups-condemn-hashimoto-justification-of-sex-slaves/#.UZTYE6J7KSo

In der Zwischenzeit gibt es dort eine Fülle an Artikeln zu den Hashimoto-Äußerungen.

Advertisements

Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

Diskussionen

2 Gedanken zu “Feminismus vs. LDP

  1. Aus den Fernen des Nichibunken kann ich sagen: ich liebe deinen letzten Satz.

    Verfasst von Sem | 16. Mai 2013, 16:45
    • ❤ Ach, Nichibunken… die Rehe, die Wildvögel und natürlich die Affen und Wildschweine, die ich aber nie zu Gesicht bekommen habe… P.S. 森田さんと王さんによろしくを伝えてください!

      Verfasst von Kenji | 16. Mai 2013, 16:50

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Tweets

  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 2 years ago

Blog Stats

  • 14,113 hits
%d Bloggern gefällt das: