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Politik, Wissenschaft

Wie rechts ist Japan?

Vor einer Woche erreichte die Abonnenten des E-Mail-Verteilers „J-Studien“, eine Liste zum Austausch von Japanologen und Japan-Interessieren, die Mail einer deutschen Wissenschaftlerin der Hosei Gauin University aus Sapporo mit folgendem Text:

Falls in Deutschland noch nicht so bekannt ist, was hier zur Zeit passiert:
Bitte lest z.B. den Artikel des Guardian vom 13.10.
http://www.theguardian.com/world/2014/oct/13/japan-ruling-party-far-right-extremists-liberal-democratic
Der politische Druck nimmt extreme Formen an, und die Drohungen von rechts gehen eindeutig nicht nur auf das Konto eines Einzeltaeters aus Niigata, der vor drei Tagen gefasst wurde.
Wir brauchen DRINGEND UNTERSTUETZUNG!!!
Bitte schreibt an unsere Uni (Hokusei Gakuen), PolitikerInnen und/oder Medien!
 
Vielen Dank!
N.

 

Frau N. meint mit dem „Täter“ einen Mann, der telefonisch Morddrohungen gegen einen Dozenten der Hokusei Gakuin ausgesprochen hat. Der Dozent war Journalist der Asahi Shinbun – einer der größten Tageszeitungen Japans – und hat dort vor 20 Jahren Artikel zu den so genannten „Trostfrauen“ geschrieben. Leider stellte sich vor einiger Zeit heraus, dass sich eine Quelle als unglaubwürdig herausgestellt hat. Die Zeitung musste sich für den Fehler entschuldigen.

Rechte Kritiker und Nationalisten nahmen dies zum Anlass, die Tatsache, dass Japan ein System der Sex-Sklaverei auf Kosten zahlreicher Koreanerinnen und Chinesinnen betrieb, wieder in Frage zu stellen. Liberale Akademiker, Intellektuelle und Linke sehen sich zunehmend einem Druck von Rechts ausgesetzt, den die Politik stillschweigend in Kauf nimmt (und somit indirekt unterstützt).

Ich habe hier bereits einige Male die Frage nach Rassismus in Japan gestellt, doch die aktuelle Diskussion um diesen Fall hat mich einsehen lassen, dass meine bisherige Sichtweise viel zu beschränkt war. Es geht nicht nur um einfachen Rassismus, der eine Diskriminierung aufgrund eines bestimmten Phänotyps vorantreibt, sondern sehr viel grundlegender um eine nationalistische Gesinnung, die mehr und mehr um sich greift.

Dabei ist die politische Komponente besonders interessant. Es handelt sich bei der Regierung um Premier Abe um einen unglücklichen Balanceakt aus neoliberalem Pragmatismus und reaktionärem Nationalkonservativismus.

Auf der einen Seite versucht Abe die Wirtschaft aus dem Deflationsstrudel zu retten und will das Schwinden der Anzahl von Arbeitsnehmern durch Mobilisierung der weiblichen Bevölkerung verlangsamen. Auf der anderen Seite braucht Abe die Stimmen der Konservativen im Land, was sich durch seine fragwürdige Politik bezüglich des internationalen Austauschs mit den direkten Nachbarn China und Korea äußert.

Es wird in der Bevölkerung ein Gefühl der nationalen Integrität gefördert, was vor allem zulasten der in Japan ansässigen Ostasiat_innen geschieht. Insbesondere aber werden Kritiker aus den „eigenen Reihen“ identifiziert, eingeschüchtert und bedroht. Das ist es, was Frau N. mit ihrem Hilferuf anprangert.

So. Das war vor einer Woche. Und was ist in der Zwischenzeit passiert? Die Diskussionen auf den „J-Studien“ sind häufig recht amüsant, aber leider tendieren sie auch dazu, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.

Die Diskussion drehte sich in der Zwischenzeit um die Frage, wie rechts die AfD ist, wie sehr sich die Wissenschaft politisch positionieren soll oder inwieweit sie einen Objektivitätsanspruch beibehalten muss. Das alles hat peripher mit dem Hilferuf zu tun. Das Gefühl, dass gehandelt werden muss, bleibt bestehen, aber davor steht die Frage, ob man als Wissenschaftler_in handeln darf.

Meine Meinung: Aber ja doch! Wenn die Politik zeigt, dass sie auf dem rechten Auge blind ist, wenn Kritiker_innen eingeschüchtert werden und sich die Situation der Betroffenen zunehmend verschlechtert, dann muss internationale Kritik kommen. Besser zu früh als zu spät.

Es handelt sich also überhaupt nicht um die Frage, was man als „Wissenschaftler_in“ tut, sondern was das persönliche, ethische Empfinden einem selbst vorschreibt.

Zur Anfangsfrage: „Wie rechts ist Japan?“. Es etwas rechter geworden.

 

Hier noch mehr Links von Frau N. (auf Japanisch):

http://mainichi.jp/select/news/20141024k0000m040099000c.html

http://www.asahi.com/articles/ASGB67JQTGB6PTIL03H.html

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Über Kenji

Schreibe die Diss im Fach Japanologie zu Sexualität im japanischen Mittelalter. Gucke gern America's next top model und esse genre Gummibärchen

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  • @ptrk_k die Wortverwandschaft ist bei allen drei Worten vorhanden. Aber für mich hatte in dem Mom Schwulität eine klar negative Bedeutung... 2 years ago
  • Gestern auf der Arbeit gab's Streit: zwei meiner Kolleg_innen haben das Wort “Schwulitäten“ verwendet. Fand ich nicht cool. Übertrieben? 2 years ago
  • @schokopflaster Erledigt! Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Wie geht es dir? 2 years ago

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